Der Junge im Rock

Der Junge im Rock

Das Bilderbuch „Der Junge im Rock“ von Kerstin Brichzin mit Illustrationen von Igor Kuprin aus dem Jahr 2018 erzählt die Geschichte des Jungen Felix, der von anderen Kindern im Kindergarten ausgegrenzt wird, weil er gerne Röcke trägt.

Inhaltsangabe

Felix trägt gerne Röcke. Vor allem, weil seine Beine darin viel Luft bekommen und er sich gut darin bewegen kann. Bisher lieh er sich die Röcke von seiner Schwester, doch nun kauft er mit seiner Mutter einen eigenen. Dort trifft er auf eine Verkäuferin, die komisch reagiert als sie hört, dass Felix ein Junge ist. Als die Familie in eine kleine Stadt zieht, darf Felix zunächst seinen neuen Rock nicht in den Kindergarten anziehen. Als Felix ihn schließlich im Kindergarten anzieht, lästern die anderen Kinder über ihn und lachen ihn aus – ein Rock sei nur etwas für Mädchen. Auch von anderen Eltern erfährt Felix negatives Feedback. Darüber ist Felix sehr traurig. Er versteht nicht, was die Kinder haben und warum auch über seine Eltern schlecht gesprochen wird.

Darauf hat sein Vater eine Idee: Gemeinsam geht er mit Felix in ein Geschäft und kauft sich selber einen Rock. Anschließend schlendern sie zusammen im Rock gekleidet durch die Stadt und bekommen prompt negative Kommentare zu hören. Felix stört sich nicht daran, da er und sein Vater dies gemeinsam tun. Schließlich möchte Felix wieder in den Kindergarten und trägt erneut seinen roten Rock und ein Glitzershirt. Sein Vater zieht seinen Rock ebenfalls an und bringt Felix in seine Gruppe. Die Kinder reagieren auf die Beiden positiver als zuvor, hinterfragen aber das Tragen des Rockes. Felix erklärt, dass er sich damit besser bewegen kann und dass es doch unfair ist, dass Mädchen alles tragen dürfen, nur Jungen nicht.

Das Cover

Auf dem Titelbild des sehr großen Hardcover-Buches ist Felix zu sehen, wie er in einem grünen Kleid Fahrrad fährt. Er trägt zudem rosa Schuhe und einen rosa Helm. Hier wird für die Leser*innen deutlich gemacht, dass es um das Aufbrechen stereotyper (männlicher) Geschlechterbilder geht.

Aufmachung
Die Seiten sind mit sehr großen Bildern gefüllt, die von Igor Kuprin gestaltet sind. Die Geschichte ist relativ schnell vorgelesen. Es werden ca. 5 Minuten für das gesamte Buch benötigt. Etwas mehr wird gebraucht, wenn die Bilder genau angesehen werden. Zwischenüberschriften würden Kindern das Verständnis von vorhandenen Zeitsprüngen erleichtern. Der Preis liegt aktuell bei 14 Euro (2. Auflage 2019).

Rezension

Die Idee, Geschlechterbilder aufzubrechen und das Thematisieren der Probleme, die daraus für Kinder entstehen, ist großartig und wichtig. Die Geschichte erinnert stark an das reale Erlebnis des Autors Nils Pickert von Pinkstinks.

Leider ist die binäre Aufteilung in Jungen- und Mädchensachen nicht ganz zu Ende gedacht und zeigt sich an vielen kleinen Stellen der Geschichte.

Gleich zu Beginn wird deutlich, dass Felix Mutter für den Kleiderkauf zuständig ist. Sie geht dann auch mit Felix einen Rock kaufen. Die Verkäuferin ist ebenfalls weiblich, was leider die stereotype Geschlechterdarstellung unterstützt.

Auf der Suche nach dem richtigen Rock formuliert die Autorin den Satz:

„Felix zieht Mama zu den Mädchensachen.“

Auch hier werden stereotype Geschlechterbilder produziert, in dem für Leser*innen deutlich aufgezeigt wird, dass Kleider und Röcke eigentlich ausschließlich für Mädchen sind.

Es ist positiv anzumerken, dass thematisiert wird, dass der Umzug in eine kleinere Stadt für Probleme sorgen kann. In der Großstadt ist Vielfalt bereits meist fortgeschrittener als auf dem Land. Dies wird auch an der Reaktion von Felix Vater deutlich, der versucht das Tragen des Rockes im Kindergarten aufzuschieben.

Ebenso authentisch ist die Darstellung von Felix: Er versteht die Reaktionen der anderen Kinder nicht, er ist traurig und verzweifelt und sucht nach Lösungen.

Die Idee des Vaters, sich selber einen Rock zu kaufen und als Vorbild voranzugehen, ist ein sehr positiver Gedanke. Leider ist auch hier die Verkäuferin weiblich.

Dass im Folgenden ausschließlich Felix Vater als Lösung des Problems herangezogen wird und Felix Mutter keinerlei Anteil daran hat, ist an dieser Stelle schade. Es entsteht der Eindruck, dass Männer patriarchale Probleme ganz einfach lösen können. Dies wird unterstrichen, in dem erneut eine Frau beschrieben wird, die sich über Felix und seinen Vater aufregt und darauf gegen eine Laterne rennt. Frauen kommen in dem Buch nicht gut weg und spielen größtenteils nur Statistinnen-Rollen. Diese Logik setzt sich auch in der letzten Szene der Geschichte fort, in dem Felix zu einem anderen Jungen sagt, dass Mädchen ja alles tragen können, Jungen aber nicht, und dass dies unfair ist. Dies reiht sich leider in patriarchale Geschlechterperspektiven ein und präsentiert Jungen und Männer als Opfer der Frauen und blendet dabei aus, dass  es aber vor allem Mädchen sind, die unter den Strukturen des Patriarchats leiden.

Fazit

Die Autorin hatte mit „Der Junge im Rock“ eine sehr gute Idee: Geschlechterstereotype (auf Jungen bezogen) sollen dekonstruiert werden. Ich empfehle Eltern/ Erziehenden trotz der genannten Kritikpunkte, Kindern Felix Geschichte vorzulesen um aufzuzeigen, dass Jungen Röcke tragen können und dürfen. Es wäre sicherlich von Vorteil, die angesprochenen Kritikpunkte beim Vorlesen mit den Kindern zu besprechen.

 

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Der Junge im Rock

 

 

 

 

 

 

 

 

Autoren-Info:

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.