„Die drei ???-Kids“: Sexismus und Frauenverachtung im Männerclub

Teil 2 der Reihe: Sexismus in Kinderhörspielen. Hier geht es zu Teil 1 (Die drei !!!: Selbstbewusste Mädchen oder Mager-Barbie im Ermittlungswahn?)

„Die drei ???-Kids“ ist eine seit 1999 erscheinende Buchreihe des Verlages Kosmos, die seit 2009 auch als Hörspielserie vom Tonstudio Europa veröffentlicht wird. Als Vorlage dient die Serie „Die drei ???“, die sich im Gegensatz zu den „Kids“ nicht an Kinder, sondern an Jugendliche und Erwachsene richtet.

Männer, Männer und … Männer!

Männer schreiben die Geschichten der „Die drei ???-Kids“ – und sie richten sich auch explizit an  männliche Hörer. Eines haben alle bisher veröffentlichten  Fälle gemein: Sie präsentieren ein traditionelles, sexistisches und problematischen Frauenbild auf der einen und eine absolut dominierende Männerwelt auf der anderen Seite.

Es fällt gleich zu Beginn auf, dass ausschließlich männliche Hauptprotagonisten auftreten: Justus, Peter und Bob. Aber auch die auftretenden Nebencharaktere sind fast ausschließlich männlich. Es fehlen fast vollständig (starke) weibliche Rollen, die einen entscheidenden Einfluss auf die Story haben.

Die drei männlichen Hauptprotagonisten hingegen verkörpern vermeintliche männliche Eigenschaften: Intelligenz/ kognitive Fähigkeiten (Justus), Sportlichkeit, Charme (Peter) und die Fähigkeit, sich Informationen zu erschließen (Bob).
Die drei Jungen ermitteln in diesen vorgefertigten Schubladen von Fall zu Fall und erklären anderen auftretenden Personen mansplaining-mäßig die Welt – vor allem Justus ist der Meinung, dass jede*r belehrt und aufgeklärt werden muss. In der Hörspielversion des Tonstudios Europa wird die absolute Überrepräsentanz von Männern und Jungen noch durch den männlichen Erzähler verstärkt, der durch die Geschichte führt und diese kommentiert.

Erschreckende Zahlen

Bis zur Hörspielfolge 71 gibt es 872 Rollen. Davon sind 742 (!) männlich und nur 130 weiblich.  Das bedeutet, dass auf sieben männliche Rollen nur eine weibliche Rolle kommt, auf vierzehn männliche Rollen zwei weibliche Rollen usw.
85,09% aller Sprecher*innen der Serie sind männlich und nur 14,91% weiblich. Das bedeutet, dass pro Folge durchschnittlich 10,45 männliche Sprecher zu hören sind gegenüber 1,83 weiblichen Sprecherinnen.

In einigen Folgen gibt es dann nicht eine einzige Frauenrolle oder nur die obligatorische Tante Mathilda, die für den Haushalt und das Backen des Kirschkuchens zuständig ist. Folge 59 beispielsweise weist 13 (!) männliche Sprecher auf, aber nicht eine einzige weibliche Sprecherin, in Folge 70 sprechen 12 männliche Sprecher, aber ebenfalls keine weibliche Sprecherin etc. pp.

Aber selbst wenn mehrere weibliche Charaktere auftreten, bedeutet dies nicht, dass sie überhaupt viel Text sprechen, für die Geschichte eine besondere Relevanz haben und die Geschichte mit voran bringen. Meist sind dies kleine Nebenrollen wie „Telefondame“, „Haushälterin“, „Pressefrau“, „Mutter“, „Tochter“ oder „Meerjungfrau“, die noch nicht einmal einen Namen haben.
Dies sind katastrophale Voraussetzungen um die niedrigen Kriterien des Bechdel-Tests bestehen zu können:

  • Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?
  • Sprechen sie miteinander?
  • Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?
  • Wenn es mehrere Frauenrollen gibt, haben sie auch alle einen Namen?

 

Wie sexistisch und frauenverachtend die Serie ist, wird exemplarisch an Folge 43 „Die drei ???-Kids -Duell der Ritter“ gezeigt.

Das Cover
Auf dem Cover der Folge sind die drei Detektive im Eingang einer Burg zu sehen, verkleidet als Ritter und Burgangestellte, bewaffnet mit Schwert, Lanze und Fackel. Die Farben sind ganz im Gegensatz zu Kosmos „Mädchenversion“ „Die drei !!!“ in dunklen Farben gehalten ohne Verzierung oder Dekoration.

 Klappentext der Hörspielversion

„Auf Burg Drachenfels finden Ritterspiele statt. Dem Sieger winken viele Goldmünzen und die schöne Tochter des Königs. Doch nicht alle kämpfen mit fairen Mitteln. Bald schon sind „Die drei ???-Kids“ einem gefährlichen Ritter auf der Spur und das Duell beginnt.“

Der Klappentext gibt einen ersten Eindruck, dass Hörer*innen ein frauenverachtendes und höchst problematisches Werk erwartet: Es wird angekündigt, dass die Tochter bei den Ritterspielen als Preis (!) gehandelt wird. Das Bild der Frau als Ware erzeugt bei mir sofort Bilder von Prostitution/ Menschenhandel. Leider wird genau dieses Bild in der Geschichte immer wieder produziert.

Blick in die Trackliste
Ein Blick in die Trackliste der Hörspielversion zeigt, wie sehr sich an männlichen Geschlechter-Stereotypen orientiert wurde:
1. Burg Drachenfels, 2. Tod dem König, 3. Heldentat, 4. Ritterspiele, 5. Geheimgänge, 6. Duell der Ritter.

Duell der Ritter = Duell der Männer

Im Fall „Duell der Ritter“ werden die drei Jungen von Von Drachenfels, dem Besitzer eines Erlebnishotels, dazu eingeladen, bei der Eröffnung und den damit verbundenen Ritterspielen teilzunehmen. Von Drachenfels erklärt, wer alles zu dem Themenschloss gehört: Könige, die die Bürger beschützen, Ritter, Burgherren, Bogenschützen, Stiefelknechte, Stallburschen, Köche, Gaukler und ein Waffenschmied.

Ein Männertreffen also. Frauen scheint es nicht zu geben. Doch der Schlossherr ergänzt:

„Es gibt sogar ein echtes Burgfräulein.“

Damit ist seine Tochter Amalie gemeint – im Übrigen die einzig auftretende weibliche Rolle in der gesamten Folge.  Im weiteren Verlauf wird die Notwendigkeit ihrer Figur deutlich: Von Drachenfels zwingt Amalie sich vor den erwachsenen Männern als Prinzessin in einem rosa Kleid zu verkleiden und bietet seine minderjährige Tochter den sich 40 duellierenden Männern als Preis neben 20.000 Dollar an. Davon erfährt Amalie jedoch erst, als ihr Vater diese Information den Mitarbeitenden präsentiert. Amalie ist erschrocken und verärgert und will dies nicht, doch Von Drachenfels erklärt, dass dies als Werbung für die Presse wichtig und ja nur gespielt sei.  An das rosa Kleid, so ihr Vater, muss sie sich auch gewöhnen.

Am darauffolgenden Tag wird allen teilnehmenden Männern ebenfalls mitgeteilt, dass der Gewinner neben dem Preisgeld einen „geheimen Extra-Preis“ erhält:

„Ritter von Burg Drachenfels! Der Sieger im Duell bekommt meine Tochter Amalie von Drachenfels zur Frau!“

Darauf ertönt lauter Beifall. Amalie ist traurig und unglücklich. „Die drei ???-Kids“ sprechen darüber, dass Von Drachenfels Amalie wahrscheinlich lange überreden musste. Es wird deutlich, dass Amalie erst jetzt erfährt, dass sie tatsächlich verheiratet wird. Wer noch hoffte, dass nun gegen diese frauenverachtende Objektivierung mit der Präsentation einer sich wehrenden Amalie reagiert wird, wird enttäuscht.  Die Ansprache des Schlossbesitzers macht zudem deutlich, dass an den Kämpfen ausschließlich Männer teilnehmen. Die Möglichkeit, dass sich dort auch Frauen messen könnten, wird völlig ignoriert.

Als der Balkon, auf dem Amalie steht, unerwartet zusammenbricht, stürzt diese ab. Amalie schreit permanent laut um Hilfe und „zappelt“ – so der Erzähler – bis sie von den drei Jungen und dem Waffenschmied David gerettet wird. Es wird deutlich, dass Von Drachenfels die Einsturzgefahr sehr wohl bewusst gewesen ist, was ihn jedoch nicht daran hinderte, seine Tochter in Lebensgefahr zu bringen. Er bietet seiner Tochter nun an, dass sie niemanden heiraten müsse. Drauf antwortet Amalie:

„Ach ist schon gut, Papa. Ich weiß, wie wichtig das alles für dich ist. Ich muss den Gewinner ja nicht in Wirklichkeit heiraten. Und vielleicht gewinnt ja auch ein netter Ritter.“ Und somit wird auch in der nächsten Szene Amalie für alle Männer als Preis angekündigt und wie eine Ware gehandelt.

Als ein zusätzlicher Ritter gesucht wird, da sich einer der Männer verletzt hat, ruft der sogenannte schwarze Ritter: „Ach, ist doch egal. Ich gewinne sowieso. Man kann mir auch gleich das Geld und das Mädchen geben.“ Auch hier wird sprachlich erneut die Verbindung zu Prostitution deutlich.

„Die drei ???-Kids“ überreden nun den Waffenschmied David an den Spielen teilzunehmen, da er im Falle des Gewinnes die Prinzessin als Preis erhalten würde. Die Jungen argumentieren, dass die Prinzessin ansonsten sehr unglücklich wird, sollte sie in den Armen des schwarzen Ritters landen. Da sie sehr schön sei, so der Waffenschmied, willigt er in das Verschachern von Amalie ein.

Das nun folgende Ritterspiel baut auf der Idee auf, dass die Wäscherin des Schlosses die 45 roten und 30 blauen Socken nicht nach Farben sortieren kann, da sie farbenblind ist. Das führt dazu, dass der König, wenn er beim Herausholen der Socken aus dem Schrank nicht hinsieht, oft stundenlang in den Schrank greifen muss um ein passendes Paar zu finden. Darauf beschwert er sich bei der Wäscherin. Der Autor scheint ein tiefsitzendes frauenverachtendes Problem zu haben, anders sind seine Ideen nicht erklärbar. Wieso guckt der König nicht einfach wie jeder andere Mensch auch auf die Socken, die er in die Hand nimmt, anstatt sich bei der Wäscherin zu beschweren? Eben weil es frauenverachtend ist und dieses Spiel deutlich machen soll, wo er als Mann und König gegenüber seiner weiblichen Angestellten steht beziehungsweise wo sie steht.

Im Wettkampf sind mittlerweile nur noch David und der schwarze Ritter übrig. Darauf wendet sich Amalie hilfesuchend an „Die drei ???-Kids“. Sie erklärt, dass sie gar nicht alt genug ist um zu heiraten. Sie bereut, dass sie ihrem Vater dies zugesagt hat. Sie erklärt, dass sie dies getan hat, da seit dem Tod ihrer Mutter das Burghotel für ihren Vater das Wichtigste sei. Aus Angst, dass sie Presse dann über ihren Vater schlecht berichten könnte und vor der Missgunst ihres Vaters möchte Amalie die Spiele aber auch nicht abbrechen. Amalie bricht in Tränen aus als ihr klar wird, dass der Waffenschmied nicht gegen den schwarzen Ritter gewinnen kann, dessen Nähe sie nicht erträgt. Also fügt sie sich in ihr Schicksal und sagt, dass sie sich dem wohl oder übel ihrem Vater zu liebe stellen muss.

Dass sie eben genau das nicht tun muss und es die Aufgabe ihres Vaters wäre, sie vor derartigen Situationen zu schützen anstatt sie in diese zu drängen, wird gar nicht erst thematisiert. Amalie wird als Instrument ihres Vaters dargestellt, der über sie, über ihre Grenzen hinweg und über ihren Körper entscheiden darf – auch gegen ihren ausdrücklichen Willen. Dies nennt man bekanntermaßen auch Misshandlung. Was dies jedoch in einem Kinderhörspiel zu suchen hat, ist schleierhaft.

Amalie resigniert schließlich völlig, als der schwarze Ritter durch Manipulation der Spiele zu gewinnen scheint: „Wir haben verloren und damit muss ich jetzt leben. Der schwarze Ritter hat mich kampflos gewonnen.“

Sprachlich wird erneut die völlige Ohnmacht von Amalie dargestellt und die Darstellung, dass sie tatsächlich ein Preis wäre, der gegen ihren Willen gewonnen werden könnte. Alternativen scheint es nicht zu geben. Der Grund dafür ist leider sehr einfach: Die Funktion der „drei ???-Kids“ ist es, Amalie zu retten. Dazu muss sie so hilflos wie möglich dargestellt werden, was widderrum die Jungen umso größer werden lässt und in die eindimensionale Männlichkeitspräsentation passt.

Im Folgenden wollen „Die drei ???-Kids“ die Vorkommnisse melden. Amalie möchte dies jedoch nicht, da das Aufdecken der kriminellen Machenschaften des schwarzen Ritters ihrem Vater und dem Hotel schaden könnte. Auffällig an all diesen Szenen ist Amalies absolute Hörigkeit ihrem Vater gegenüber, was stark an das Stockholm-Syndrom erinnert. Dies ist eine logische Verlängerung der Misshandlungsdarstellung der gesamten Geschichte durch den Vater gegenüber seiner Tochter. Es handelt sich hierbei jedoch um keinen Psychothriller für Erwachsene, sondern um ein Kinderbuch/ Kinderhörspiel für Kindergarten- und Grundschulkinder und hat in diesem nichts zu suchen.

Vor dem entscheidenden Kampf gibt Von Drachenfels erneut per Mikrofon bekannt, dass der Gewinner 20.000 Dollar plus seine Tochter gewinnt. Das kann anscheinend nicht oft genug erwähnt werden und lässt tief in die frauenverachtenden Gedanken des Autors blicken. Amalie soll mit einem Zeichen ihres rosa Taschentuchs den Endkampf beginnen lassen und somit das ihr von ihrem Vater zugedachte Schicksal auch noch selber einläuten. Perfider geht es kaum noch.

Durch einen Trick gewinnt David am Ende doch noch, worauf Amelie ihn mit den Worten: „Mein Held! Mein Ritter“ begrüßt und seinen Helm küsst. Sofort werden mehrere Dates zwischen Amalie und David in Aussicht gestellt, damit alles Rollenklischees auch ja bei dieser überraschenden Wendung ihre Ordnung behalten.

Erschreckend und für Kinder und Jugendliche absolut ungeeignet

Was bleibt dazu noch zu sagen? Ich stelle mir die Frage, wie ein Autor Texte für Kindergeschichten mit diesen frauenverachtenden Inhalten schreiben kann – und schreiben darf. Es muss sich noch einmal bewusst gemacht werden um was es hier explizit geht:

  • Zwangsheirat,
  • Herrschaft über den Willen der minderjährigen Tochter,
  • absolute Gehorsamkeit der Tochter gegenüber ihrem Vater mit starken Parallelen zum Stockholm-Syndrom,
  • bewusste Grenzüberschreitungen und Ignorieren von Grenzen, die vorher klar benannt wurden,
  • Misshandlung der Tochter
  • völlige Resignation gegenüber den perfiden Machtvorstellungen von Männern,
  • Aufgeben eigener Bedürfnisse für Männer,
  • stereotype Darstellung von Geschlechterbildern,
  • Objektivierung von Frauen.

„Die drei ???-Kids“, speziell diese Folge, sind weder für Kinder noch für Jugendliche geeignet. Sie verstärken männliche Machtfantasien über Frauen und ihrem Körper und produzieren patriarchale Denkstrukturen. Kindergeschichten, in denen weibliche Charaktere ausschließlich den Nutzen haben Männern zu gefallen, diesen zu gehören und von ihnen benutzt zu werden, dürfen Kindern nicht zugänglich gemacht werden. Es ist die Aufgabe von Eltern, Bildungseinrichtungen und der Politik, Kinder vor derartigem Material zu beschützen und ihnen Werte für ein Miteinander auf Augenhöhe zu vermitteln.

Die 71 bisher veröffentlichen Hörspiele der Serie sind alle durchweg problematisch, da sie Geschlechterstereotype produzieren und eine Machthierarchie aufbauen, in der die überrepräsentierten Jungen und Männer die Welt lenken und kontrollieren, aktiv sind und Fälle lösen, während die fast unsichtbaren unterrepräsentierten Mädchen und Frauen passive meist nebensächliche Rollen besetzen, oder wie in diesem Fall gerettet werden müssen. Für Kinder werden hier nur höchst problematische Schubladen bedient und antifeministisches Denken verstärkt.

Es sollte sich genau überlegt werden, ob Serien wie „Die drei ???“, „Die drei ???-Kids“ oder „Die drei !!!“ den eigenen Kindern zugänglich gemacht werden oder ob es nicht besser ist, ihnen Alternativen anzubieten.

 

Die drei !!!: Selbstbewusste Mädchen oder Mager-Barbie im Ermittlungswahn?

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.