Die Spürhasen-Bande – Licht und Schatten

Die Spürhasen-Bande

Teil 4 der Reihe: Sexismus in Hörspielen.

Ich bin weiterhin auf der Suche nach Hörspielen, die kein reaktionäres sexistisches Frauenbild produzieren. Dabei stieß ich auf die Serie „Die Spürhasen-Bande“, die seit April 2019 vom Eulenberg Verlag veröffentlicht wird.

Der Titel von Folge 1 lautet: „Die Spürhasen-Bande. Das Geheimnis des magischen Spiegels. Das Abenteuer beginnt.“ Altersempfehlung ab 5 Jahren.

Das Cover

Das Cover zu Folge 1 ist geheimnisvoll und für Kinder ansprechend gestaltet. Die 3 Hauptprotagonist*innen Polly (Häsin), Kiki (weibliches Eichhörnchen) und Finn (Hase) stehen nachts im Wald auf einem Weg, der zu einem Schloss hinaufführt. Kiki hält ein Glühwürmchen in der Pfote.

Der Klappentext

„Wäre es nicht toll, wenn wir einfach so an jeden beliebigen Ort reisen könnten? Mit Bartholomäus Zauberspiegel ist das möglich. Aber was wäre, wenn man mit diesem Spiegel auch durch die Zeit reisen könnte? Polly, Kiki und Finn wollen das Geheimnis des magischen Spiegels lüften und mit ihm auf Reisen gehen. Wird es ihnen gelingen?“

Die Homepage

Die Seite ist sehr liebevoll und kindgerecht gestaltet. Die Waldbewohner*innen, die Schauplätze sowie die 3 bisher veröffentlichten Hörspiele werden dort vorgestellt. Die Idee, dass Kinder beim Hören etwas über bekannte Orte lernen, ist toll! Es gibt zudem viele Informationen über die Produktion.

Unter dem Menü-Punkt „Infos für Eltern“ schreibt der Autor Karsten Schäfer:

„Ganz besonders wichtig ist mir, dass die Geschichten familientauglich sind. Das heißt zum einen kindgerecht, aber auch so produziert dass die Eltern – die ja meist mithören – auch ihren Spaß an der Geschichte und den Dialogen haben. Hören Sie genau hin, Sie werden wissen, was ich meine.“

Die Charaktere

Die Charakterbeschreibungen auf der Homepage der Serie sind leider schon etwas einseitiger, was die Geschlechterrollen angeht: Während Polly vor allem gerne Bücher liest und sehr schlau ist, hat sich Kiki einiges beim Karate abgeguckt, ist aber sehr schusselig, während Finn als der schnellste Hase des Waldes vorgestellt wird, der zudem im Laufen auch noch einen Rekord hält und sehr stark ist.

Und los geht’s

Gespannt legte ich die CD ein und hörte die erste der neun Szenen an – und musste mir überlegen, ob ich das Hörspiel weiterhöre oder fassungslos aus dem Fenster werfe. Die erste Szene wirkt verstörend und erinnert mich an die höchst sexistische und frauenverachtende Folge „Duell der Ritter“ der Serie „Die drei ???-Kids“.

In der Szene, die sich später als Finns Traum herausstellt, prügelt er sich in einem Ritterturnier mit dem grimmigen Ritter Grimgroll. Ritter Grimgroll wirkt sehr unheimlich und wird kleinen Kindern höchstwahrscheinlich angst machen. Das Ziel des Kampfes: Der Gewinner erhält als Preis Prinzessin Polly, die wie eine Ware gehandelt wird, wird sie heiraten und darf sie küssen.

Es werden hier Männerphantasien bedient: Der Mann, der als Kämpfer und Eroberer im Kampf andere Männer besiegt um sich das vermeintliche Eigentum, hier die Prinzessin zu nehmen, die natürlich als wunderschön beschrieben wird. Ebenso problematisch ist die Rolle der Prinzessin angelegt: Sie himmelt Ritter Finn an und bewundert seine Stattlichkeit und seinen Mut. Prinzessin Polly zeigt sich zudem völlig verängstigt und bettelt Finn an, sie vor dem grimmigen Ritter Grimgroll zu retten. Noch klischeehafter könnten die Geschlechterrollen gar nicht angelegt sein.

Das weibliche Eichhörnchen Kiki spielt in Finns Traum dessen Knappen und betont, dass es ihr eine Ehre ist, ihm zu dienen.

Finn gewinnt schließlich den Kampf und Ritter Grimgroll ruft, dass er zu seiner Mama möchte. Finn spricht nun für den Siegerkuss Prinzessin Polly an:

Finn: „Oh Prinzessin Polly, kommt in meine armen starken Arme .. äh Pfoten.“

Polly: „Ritter Finn, mein Held!“

Polly: „Schmiegt euch an mich. Ich werde Euch nun küssen.“ (Kuss-Geräusche).

Darauf fällt Finn aus dem Bett, stellt fest, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Darüber ist er sehr betrübt. Er war sehr begeistert darüber, dass Prinzessin Polly seine (!) Prinzessin gewesen ist.

Starke Kiki – schwache Polly

Nun folgt eine tolle Szene: Der Marder bedroht Finn. Da taucht Kiki das Eichhörnchen auf um Finn zu retten. Sie vermöbelt den Marder, der darauf die Flucht antritt. Hier wurden Geschlechterstereotype aufgebrochen! Bravo, es geht doch!

Pollys Buchauswahl ist dann doch wieder etwas stereotypisch: Sie überlegt, ob sie den Liebesroman lesen soll, oder doch das Piratenbuch – und wundert sich, wo das Buch „101-Karottenrezepte“ herkommt. Das hätte etwas besser gelöst werden können. Die Verknüpfung weiblich = kochen muss nicht sein.

Finn steuert ab nun das Geschehen, was leider sehr einseitig wirkt. Vor allem ist es schon sehr problematisch, wie der Erzähler erklärt, dass Kiki und Polly die Hälfte von Finns Traumerzählungen nicht verstehen, aber an den richtigen Stellen „Ahhh!“ und „Ohhh“ machen.

Ganz problematisch wird es, als sich die beiden Freundinnen ausmalen, eine Zeitreise unternehmen zu können: Polly sagt begeistert, dass sie dann eine Prinzess in einem rosa Kleid mit Glitzer wäre. Kiki wäre gerne eine Kriegerin. Es wird sehr deutlich, dass die beiden weiblichen Hauptrollen zwei sehr unterschiedliche Pole darstellen sollen: Auf der einen Seite werden vermeintlich männliche Attribute aufgebrochen (super (!)  – auf der anderen Seite werden vermeintliche weibliche Attribute und Verhaltensweise auf Polly projiziert. Ein wenig erinnert dies an die Rollen der Anne und George von den fünf Freunden von Enid Blyton.

Problematische Geschlechterdarstellungen

Auffällig ist, dass Kiki und Polly männliche Figuren wie beispielsweise Bartholomäus von Eulenberg geradezu anhimmeln. Sprechen sie jedoch über das Bild in Bartholomäus Haus, auf dem eine Frau zu sehen ist, wird sich über ihre Kleidung lustig gemacht. Jedoch wird der Schmuck, den die Frau trägt, von Kiki und Polly begeistert kommentiert. Insgesamt sprechen vor allem die beiden Mädchen immer wieder über Äußerlichkeiten. Den Zeitreise-Spiegel himmeln Kiki und Polly auf Grund seiner Verzierungen und Edelsteine fast wie in Trance an. Die permanenten Begeisterungsausrufe der Mädchen, wenn es um Schmuck geht, nerven relativ schnell.

Erklärungen werden fast ausschließlich mainsplaining-mäßig von Männern getätigt. Auch wenn es um Historisches geht, wie zum Beispiel um die Herkunft des Spiegels oder dessen Fähigkeiten, werden permanent Männer zitiert. Da wäre mehr drin gewesen: Warum nicht abwechselnd Männer und Frauen nennen? Ist nicht allzu schwer und macht Mädchen und Frauen sichtbar anstatt unsichtbar.

Auch sonst werden stereotype Geschlechterbilder bedient: Jungen sind stark, mutig, aktiv und kompetent, während Mädchen vor allem Fragen stellen, ängstlich sind und sich für Äußerlichkeiten und Schmuck interessieren. Auch die bisher sehr mutig auftretende Kiki wird nun als sehr ängstlich dargestellt. Finn überspielt im Gegensatz zu den beiden weiblichen Protagonistinnen seine Angst. Polly und Kiki werden immer wieder als sehr unsicher dargestellt. Finn hätte offen seine Ängste und Unsicherheiten zugeben können. Dies hätte die Geschlechtervorstellungen aufgebrochen anstatt sie zu verfestigen.

Als die Gruppe auf ein vermeintliches Gespenst trifft, ruft eines der Mädchen:

„Eichhörnchen und Kinder zuerst!“ Dies verdeutlicht das problematische Frauenbild des Hörspiels.

Als Polly eine Schatulle öffnen soll, versucht Finn ihr sie mit Gewalt wegzunehmen und ruft, dass er doch viel mehr Kraft habe als sie. Darauf fällt das Kästchen runter. Polly ist erneut wie paralysiert von der Brosche und dem Saphir.

Namensgründung: Die Spürhasen-Bande

Letztlich wird die Namensgebung vollzogen: Die Spürhasen-Bande. Darauf ist Kiki sehr betrübt, da sie ja gar kein Hase ist (beziehungsweise keine Häsin), sondern ein Eichhörnchen, und somit auch nicht zu der Bande dazu gehört. Doch Finn und Polly reden auf sie ein:

Polly: „Aber natürlich gehörst du dazu. Viel entscheidender ist doch, dass du unsere Freundin bist.“ Und schon ist alles geklärt. Sie ist ja laut Finn ein „Hasen-ehrenhalber.“

Das erinnert sehr stark an das generische Maskulinum: Es wird zwar die männliche Form verwendet, aber hey, Frauen sind halt einfach mit gemeint. Schon sehr problematisch.

Bechdel-Test: Knapp bestanden!

Positiv ist, dass zwei der drei Hauptprotagonist*innen weiblich sind. Sie unterhalten sich miteinander, haben einen Namen und sprechen nicht nur über Männer. Den Bechdel-Test hat die Folge somit durch das Erfüllen der Mindestanforderungen bestanden. Leider wird vor allem Polly sehr geschlechterstereotypisch dargestellt und auch Kiki werden immer wieder vermeintlich weibliche Attribute wie Ängstlichkeit zugeschrieben, während Finn als mutig und stark präsentiert wird.

Männliche Überrepräsentanz

Leider war es das auch, was die positive Verteilung der Geschlechter angeht:

In Folge 1 gibt es insgesamt 12 Sprecher*innen. Davon sind allerdings 10 männlich und nur 2 weiblich.

Ab Folge 2 wird dies nicht besser: Von 22 Rollen sind nur 6 weiblich und 16 männlich. Zählt man die kleinen Nebenrollen noch dazu, sind es sogar 22 männliche Sprecher und nur 7 weibliche Sprecherinnen.

In Folge 3 sind es 14 männliche gegenüber 5 weiblichen Rollen. Mit den kleinen Nebenrollen sind dies 18 männliche und 9 weibliche Sprecher*innen.

Insgesamt bedeutet dies: 50 männliche Rollen gegenüber 18 weiblichen, was einen Anteil an weiblichen Rollen von gerade mal 26,47% ausmacht bei 73,53% männliche Rollen. Von einer ausgewogenen Geschlechterdarstellung kann auch zahlenmäßig keine Rede sein.

Fazit

Sehr sehr schade. Das Hörspiel ist super produziert, es soll den jungen Hörer*innen auch noch etwas beigebracht werden, es ist spannend und atmosphärisch aufbereitet, die Sprecher*innen, vor allem Kiki und Polly, sind toll, die Bilder und die Homepage sind süß gestaltet und für Kinder gut aufbereitet. Zudem wird Kiki (meistens) als starkes Mädchen dargestellt. Doch werden auch bei diesem Hörspiel stereotype Geschlechterbilder produziert: Mädchen, die auf rosa Kleider stehen und gerne Prinzessin spielen, sich um Äußerlichkeiten und Schmuck kümmern, während Jungen stark und mutig sind, das Geschehen lenken und kontrollieren, Emotionen wie Angst aber verdrängen.

Männer erklären auch hier allen Anderen die Welt und die völlige Überrepräsentanz von männlichen gegenüber weiblichen Rollen hätte besser und gleichberechtigter sein können.

Gerade die Traumszene, mit der die Serie startet, ist höchst problematisch und nicht kindgerecht. Kinder sollten nicht lernen, dass Jungen Mädchen als Ware ansehen dürfen, die es durch Gewalt zu erobern gilt. Mädchen müssen aktiver dargestellt werden, nicht passiv, ohnmächtig und als zu rettendes Opfer.

Die Serie hätte Potenzial und wäre für Eltern und ihre Kinder empfehlenswert, wenn die Geschlechterstereotype weiter aufgebrochen werden würden. Vor allem Polly sollte sich an Kikis starker Frauen-Rolle orientieren. Und die fast 74% Männeranteil sollten auch korrigierbar sein.

Licht und Schatten mit viel Potenzial nach oben!

 

Autoren-Info:

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.