Die drei !!!: Selbstbewusste Mädchen oder Mager-Barbie im Ermittlungswahn?

Als der Verlag Kosmos die Buchreihe „Die drei !!!“ mit drei weiblichen Detektivinnen ankündigte, war ich darüber sehr erfreut. Auf dem Markt existieren bis heute kaum Serien mit starken, selbstbewussten, selbstbestimmten, abenteuerlustigen und mutigen Mädchen, die sich den Geschlechterstereotypen widersetzen und für Mädchen ein positives Vorbild sein können. Die Serie richtet sich laut dem Verlag an Mädchen ab 10 Jahren.

Ich war skeptisch, da die Vorlagen („Die drei ???“ und „Die drei ??? Kids“) sowohl in Buch- als auch in Hörspielformat sexistisch und frauenverachtend sind. Da „Die drei !!!“ im Gegensatz zu den beiden anderen Serien aber ausschließlich von weiblichen Autor*innen geschrieben werden, hoffte ich auf starke weibliche Charaktere, die Mädchen als Vorbild dienen könnten.

Der erste Schock

Beim Lesen der ersten drei Titel, stellte sich leider schnell Ernüchterung ein:

Folge 01 Die Handy-Falle,
Folge 02 Betrug beim Casting,
Folge 03 Gefährlicher Chat .

Auch die Cover ließen nichts Gutes erahnen. Das Cover der ersten Folge „Die Handy-Falle“ (siehe mein Foto der ersten Folge) zeigt die drei Hauptprotagonistinnen, die anscheinend magersüchtig oder zumindest stark untergewichtig sind und in ihrer Darstellung dem Schönheitsdiktat voll und ganz unterworfen sind.

Es stellt sich die Frage – die Altersempfehlung „Für Mädchen ab 10 Jahren“ wird dabei noch gar nicht berücksichtigt – wieso hier eine Clique aufgestylter, geschminkter, bauchfrei gekleideter und viel zu dünner Mädchen gezeigt werden muss. Zwei der beiden Hauptprotagonistinnen beschäftigen sich gerade mit ihrem Handy. Das Farbkonzept des Covers ist „typisch weiblich“ gehalten und wird mit Blümchen verziert.

Kosmos stellt „Die drei !!!“ online vor

Bevor ich mit dem Hören der ersten Folge begann, warf ich noch einen kurzen Blick auf die Homepage des Tonstudios. Dort wurde Marie mit den Worten „Nur topgestylt werden von ihr Schlösser geknackt“ zitiert. Unter den Charakterbeschreibungen waren folgende Informationen zu finden:

Marie: Neben der Info, dass sie bereits an einem Model-Casting teilgenommen hatte, stellt sie sich selber wie folgt vor:

„Obwohl ich auch super im Schlösserknacken bin, ohne mein Dietrichset gehe ich nicht aus dem Haus. Auch nicht ohne Lipgloss. Perfektes Styling ist für mich total wichtig. Außerdem liebe ich es mich zu verkleiden und auch Franzi und Kim finden bei mir immer eine Verkleidung, falls wir mal wieder jemanden beschatten müssen. Wobei Franzi mal etwas Modeberatung von mir gebrauchen könnte …“

Unter ihrer Beschreibung stehen Maries „Beauty Tipps“: „Milchbad für sanfte Haut“,
„Sheabodybutter selbst gemacht“, „Peeling für geschmeidige Hände“ und „Gesichtsmaske für zarte Haut“.

Kim: Sie hat in ihrer Beschreibung einen Link eingestellt: Das Herstellen eines bedruckten Jutebeutels in Herzform. Auf Wikipedia.de wird ergänzt, dass Kim ihr Hobby, Krimis zu schreiben, vernachlässigt, da sie sich unter anderem um ihre Beziehung kümmern muss.

Franzi: „Dabei High Heels oder einen Minirock tragen? Total unpraktisch! Klamotten müssen bequem und praktisch sein. Das versuche ich auch Marie immer zu erklären. Wenn sie sich nicht immer so aufbrezeln würde, würde sie vielleicht auch mal pünktlich zu unseren Treffen kommen. Das bringt mich wirklich zur Weißglut, aber besten Freundinnen kann man das verzeihen.“

Bevor es nun endlich losgehen konnte, klickte ich mich auf der Homepage noch schnell in den Webshop. Unter anderem waren dort folgende Produkte zu finden:

„DIY-Zitronen-Peeling für Mädchen ab 10″, „Clever getarntes Fingerabdruckset im Nagellack-Flakon“, Fußbäder mit Rosmarin, ein Beauty-Bag, eine Fransentasche, eine Häkelmütze und ein Schmucktresor. Weitere Produkte auf dem Markt sind Kartenspiele, Sonderbände oder Apps für das Smartphone ( „Tatort Modenschau“, „Auf der Spur“, „Skandal im Tierheim“ oder „Dein Style!“

Ob diese Produkte auch den vermeintlich männlichen Fans der „drei ???“ angeboten werden?

Folge 1: Die Handy-Falle

Ich wollte mir aber nun endlich auch vom Inhalt einen Eindruck machen. Also legte ich die erste Folge mit dem Titel „Die Handy-Falle“ in den CD-Player, atmete tief durch und drückte auf „Play“.
66 Minuten später blieb ich völlig verstört auf dem Sofa sitzen und starrte an die Decke. Ich spürte Wut auf die Autor*innen, den Verlag und alle, die dieses Produkt produziert hatten, auf unsere durch Männer dominierte Gesellschaft und auf das Patriarchat. Und ich fühlte Trauer darüber, dass unsere Kinder in freudiger Erwartung dieses Hörspiel hören würden ohne sich der manipulativen antifeministischen Wirkung bewusst zu sein.

Mädchen sind also einfach.. anders?

Beginnend mit dem Titellied werden sexistische, antifeministische und frauenverachtende patriarchale Geschlechterbilder den Hörer*innen als kunterbunte wunderschöne Welt präsentiert.

Bereits die ersten Zeilen des Titelliedes machen deutlich, wie die Autor*innen die Geschlechter sehen: Jungen und Mädchen sind nämlich eben per se verschieden. Das Lied vermittelt unterschwellig, dass Jungen das Maß aller Dinge sind, an dem sich die Mädchen messen müssen:

Mädchen sehen vieles anders,
können manches besser,
bleiben stets am Ball.. die drei Ausrufezeichen..

Mädchen folgen jeder Fährte,
haben ihre Stärken,
lösen jeden Fall.

Die Formulierung „Mädchen sehen vieles anders“ reproduziert problematische Geschlechterzuschreibungen. Denn es ist klar, dass sich hier auf Jungen bezogen wird und „Weiblichkeit“ über Abgrenzung zu „Männlichkeit“ beschrieben wird.

Rosa Mädchenwelt

Die Sprechzeit der ersten Szene beträgt gerade einmal 40 Sekunden. In dieser lässt sich Kim, eine der drei Hauptprotagonistinnen, darüber aus, dass sie eine Schreibkrise hat, das Wetter schlecht ist und sie sich daher mit Schokolade „vollstopft“. Dabei macht sie sich vor allem große Sorgen um ihr Gewicht und dass ihr daher ihre neue Hose bald nicht mehr passen könnte.

In der zweiten Szene sprechen zwei Jungen über Kims Detektiv*innen-Plakat: „Und die wollen da nur aufgehübschte Tussen haben? Typisch Mädchen! Ich kann mir das genau vorstellen: Dicke Sonnenbrille auf wegen geheim und rumstolzieren wie Möchtegern-Models bei Heidi Klum.“

Bisherige Sprechzeit: Keine 2 ½ Minuten. In dieser Zeit wurden Mädchen durch Jungen bereits als aufgehübschte Tussen, rumstolzierende Möchtegern-Models, „Drei Engel für Charlie“-Verschnitte und als blöde Kuh bezeichnet. Für das bisher einzig aufgetretene Mädchen scheint ihre Figur und ihr Gewicht im Mittelpunkt zu stehen.

Generell ist der hohe Anteil an männlichen Figuren erstaunlich, die vor allem die Funktion zu haben scheinen, Mädchen zu bewerten. In anderen Serien, in denen Jungen die Hauptrolle spielen – wie beispielsweise bei „Die drei ??? (Kids)“ – ist ein so hoher Anteil an weiblichen Figuren, wenn denn überhaupt welche vorkommen, undenkbar. Die Darstellung der wenigen Mädchen und Frauen in besagten Serien ist darüber hinaus auch noch in hohem Maße sexistisch.

Die darauffolgende Szene stellt das erste gemeinsame Treffen der drei Hauptprotagonistinnen dar. Die Gesprächsthemen erstrecken sich von Spitznamen über Ponys bis hin zur Frage, welche coolen Jobs die Väter der drei Mädchen haben. Was mit den Müttern und deren Berufen ist, scheint bedeutungslos zu sein. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass „Eltern“ als Synonym für „Mütter“ verwendet wird, die vor allem für das Wohlbefinden und Emotionen zuständig sind.

Anschließend wird erst einmal gestritten und das nicht zum letzen Mal in dieser Folge. Im weiteren Verlauf werden Mädchen als „eingebildete Plantschkuh“, „arrogante Zicke“, „Madame“,  „Heulsuse“, „Mädels, die in den Kindergarten gehören“ oder „Luder“ bezeichnet. Ein weiterer Begriff für weiblich gelesene Menschen ist „Mädchen im Hühnerstall“.

Mädchen werden als verheult, ängstlich und schreckhaft dargestellt, die sich vor allem mit Klavier- und Gesangsunterricht, Tieren, Tagebuch schreiben, Fingernägel rosa lackieren und Gurkenmasken („für die Schönheit“) beschäftigen. Gespräche unter Frauen werden natürlich in der Küche geführt. Als Marie auf Franzis Bruder Stefan trifft, gibt sie nur noch stotternde Sätze von sich. Es wird herausgefunden, dass Mädchen dann zur Diebin werden, wenn sie Geld für Handyrechnungen oder fürs Shoppen benötigen. Während Kim, Marie und Franziska die Verdächtige Anna verfolgen, wird sich gewundert, dass diese nicht einmal an einem Schuhgeschäft anhält. Die kurz darauf entführte Anna konnte durch ihr durchgängiges Weinen gefunden und das Türschloss mit einer Haarnadel geknackt werden, da dies eines der Mädchen von ihrem Vater beigebracht bekommen hat, da er einen Polizisten spielt.

Zu Guter Letzt muss nur noch eine Zentrale für das neue Detektiv-Trio gefunden werden. Was liegt da näher als der Pferdeschuppen? Dies ist insofern problematisch, als dass Detektivinnen natürlich auch gleichzeitig in den Zusammenhang mit Pferden gestellt werden. Und dann muss noch schnell der Name „Die drei !!!“ eingeführt werden. Dafür sind noch ein paar Sekunden übrig. Als Vorbild dienen „Die drei ???“. Das Ziel: Irgendwann genauso berühmt zu sein wie sie. Das Maß aller Dinge sind also mal wieder die Männer.

Gender-Fortbildung für die Kosmos- und Europamitarbeiter*innen bitte

Die Serie nutzt sexistisches Schubladendenken ohne dieses aufzubrechen. Ganz im Gegenteil wird suggeriert, wie toll eben jene Zuschreibungen sind und dass Mädchen halt biologisch angeborene Fähigkeiten haben. Mädchen haben halt „Mädcheneigenschaften“. Dabei wird als Norm jedoch permanent die männliche Definitionsmacht über Weiblichkeit herangezogen. Diese sexistische und einseitige Darstellung ist für die jungen Zuhörer*innen nicht nur absolut gefährlich, sie ist auch wissenschaftlich falsch und völlig unhaltbar. Die Mitarbeiter*innen des Verlages Kosmos (und Europa) sollten einmal eine Fortbildung im Bereich Gender besuchen, um den Blick auf Mädchen jenseits von überholten Geschlechterstereotypen anzubieten.

Nur verwunderlich ist dies alles nicht: Wurde doch Kosmos im Jahr 2018 mit dem Goldenen Zaunpfahl ausgezeichnet – ein Negativpreis für „absurde Auswüchse des Gendermarketings“.
Beim Hören der aktuellen Folgen wird jedoch deutlich, dass daraus nichts gelernt wurde.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Die Serie ging nach der ersten Folge, die symptomatisch für alle Fälle der „drei !!!“ steht, munter sexistisch weiter. Allein die Titel sprechen Bände und der Inhalt ist leider auch in keinster Weise weniger geschlechterstereotyp oder weniger frauenverachtend (z.B. Gefahr im Fitnessstudio, Kuss-Alarm, Gefahr im Reitstall, Duell der Topmodells, Herzklopfen, Küsse im Schnee, Stylist in Gefahr, verliebte Weihnachten, Skandal auf dem Laufsteg, Hochzeitsfieber!, Liebeschaos, Tanz der Herzen, das geheime Parfüm).

Die absurde und schräge Geschlechterdarstellung wird deutlich, wenn man sich die Rollen umgekehrt vorstellt:

Jens, der im Fall „Kuss der Meerjungfrauen“ nie ohne Lipgloss, Minirock und High Heels (denn perfektes Styling ist ihm wichtig) ein Schloss öffnet, Marc, der wenn er nicht völlig verliebt träumerisch und tagebuchschreibend durch die Gegend rennt, Jutebeutel in Herzform bastelt und Benno, der sich vor allem über Jens zu spät kommen aufregt, weil er sich wieder so aufbrezeln musste um den Mädchen zu gefallen.

Chance vertan!

Es wäre eine Chance gewesen, Mädchen abseits von stereotypen Geschlechterbildern darzustellen und somit Vorbilder für die Zuhörer*innen zu schaffen. Leider wird hier nur der Finger in die bekannten Wunden gelegt und Mädchen weiterhin in das Geschlechterkorsett gepresst. Chance vertan! Der nächste Goldene Zaunpfahl wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.