Die drei !!!: Selbstbewusste Mädchen oder Mager-Barbie im Ermittlungswahn?

1. der Reihe: Sexismus in Kinderhörspielen. Hier geht es zu Teil 2 („Die drei ???-Kids“: Sexismus und Frauenverachtung im Männerclub).

Als der Verlag Kosmos die Buchreihe „Die drei !!!“ mit drei weiblichen Detektivinnen ankündigte, war ich darüber sehr erfreut. Auf dem Markt existieren bis heute kaum Serien mit starken, selbstbewussten, selbstbestimmten, abenteuerlustigen und mutigen Mädchen, die sich den Geschlechterstereotypen widersetzen und für Mädchen ein positives Vorbild sein können. Die Serie richtet sich laut dem Verlag an Mädchen ab 10 Jahren. Folge 1 wurde 2006 vom Verlag Kosmos als Buchformat und 2009 als Hörspiel vom Tonstudio Europa veröffentlicht.

Ich war skeptisch, da die Vorlagen „Die drei ???“ (1968 ff) und „Die drei ??? Kids“ (1999 ff) sowohl in Buch- als auch in Hörspielformat sexistisch und frauenverachtend sind. Es treten in beiden Serien fast ausschließlich männliche Figuren auf. Mädchen und Frauen sind nur vereinzelt in kleinen Nebenrollen meist in der Rolle des Opfers oder der Versorgerin vertreten. Da „Die drei !!!“ im Gegensatz zu den beiden anderen Serien aber ausschließlich von weiblichen Autor*innen geschrieben werden, hoffte ich auf starke weibliche Charaktere, die Mädchen als Vorbild dienen können.

Handys, Casting, Chatten

Beim Lesen der ersten drei Titel, stellte sich leider schnell Ernüchterung ein:

  • Folge 01 Die Handy-Falle
  • Folge 02 Betrug beim Casting
  • 
Folge 03 Gefährlicher Chat

Auch die Cover ließen nichts Gutes erahnen: Das erste, „Die Handy-Falle“ zeigt die drei Hauptprotagonistinnen, die anscheinend magersüchtig oder zumindest stark untergewichtig und in ihrer Darstellung dem Schönheitsdiktat voll und ganz unterworfen sind. Wozu braucht es eine Clique aufgestylter, geschminkter, bauchfrei gekleideter und viel zu dünner Mädchen, um eine Krimireihe einzuführen? Zwei der beiden Hauptprotagonistinnen beschäftigen sich mit ihrem Handy, das Farbkonzept ist klischeehafte weiblich und Blümchen durften offenbar auch nicht fehlen..

Topgestylt mit Milchbad und Peeling

Bevor ich mit dem Hören der ersten Folge begann, warf ich noch einen Blick auf die Homepage des Tonstudios: Dort wurde Marie mit den Worten „Nur topgestylt werden von ihr Schlösser geknackt“ vorgestellt. Unter den Charakterbeschreibungen sind folgende Informationen zu finden:

Marie: Neben der Info, dass sie bereits an einem Model-Casting teilgenommen hatte, stellt sie sich selber wie folgt vor:

„Obwohl ich auch super im Schlösserknacken bin, ohne mein Dietrichset gehe ich nicht aus dem Haus. Auch nicht ohne Lipgloss. Perfektes Styling ist für mich total wichtig. Außerdem liebe ich es mich zu verkleiden und auch Franzi und Kim finden bei mir immer eine Verkleidung, falls wir mal wieder jemanden beschatten müssen. Wobei Franzi mal etwas Modeberatung von mir gebrauchen könnte …“

Maries „Beauty Tipps“ sind: „Milchbad für sanfte Haut“,
„Sheabodybutter selbst gemacht“, „Peeling für geschmeidige Hände“ und „Gesichtsmaske für zarte Haut“.

Kim: In ihrer Beschreibung führt ein Link zur Anleitung, wie man einen bedruckten Jutebeutels in Herzform herstellt. Auf Wikipedia wird ergänzt, dass Kim ihr Hobby, Krimis zu schreiben, vernachlässigt, da sie sich unter anderem um ihre Beziehung kümmern muss.

Franzi: „Dabei High Heels oder einen Minirock tragen? Total unpraktisch! Klamotten müssen bequem und praktisch sein. Das versuche ich auch Marie immer zu erklären. Wenn sie sich nicht immer so aufbrezeln würde, würde sie vielleicht auch mal pünktlich zu unseren Treffen kommen. Das bringt mich wirklich zur Weißglut, aber besten Freundinnen kann man das verzeihen.“

Bevor es nun endlich losgehen konnte, klickte ich mich auf der Homepage noch schnell in den Webshop. Unter anderem waren dort folgende Produkte zu finden:

„DIY-Zitronen-Peeling für Mädchen ab 10″, „Clever getarntes Fingerabdruckset im Nagellack-Flakon“, Fußbäder mit Rosmarin, ein Beauty-Bag, eine Fransentasche, eine Häkelmütze und ein Schmucktresor. Weitere Produkte auf dem Markt sind Kartenspiele, Sonderbände oder Apps für das Smartphone ( „Tatort Modenschau“, „Auf der Spur“, „Skandal im Tierheim“ oder „Dein Style!“)

Ob diese Produkte auch den vermeintlich männlichen Fans der „drei ???“ angeboten werden?

Folge 1: Die Handy-Falle

Ich wollte mir aber nun endlich auch vom Inhalt einen Eindruck machen. Also legte ich die erste Folge mit dem Titel „Die Handy-Falle“ in den CD-Player, atmete tief durch und drückte auf „Play“.
66 Minuten später blieb ich völlig verstört auf dem Sofa sitzen und starrte an die Decke. Ich spürte Wut auf die Autor*innen, den Verlag und alle, die dieses Produkt produziert hatten, auf unsere durch Männer dominierte Gesellschaft und auf das Patriarchat. Und ich fühlte Trauer darüber, dass unsere Kinder in freudiger Erwartung dieses Hörspiel hören würden ohne sich der manipulativen antifeministischen Wirkung bewusst zu sein.

Mädchen sind also einfach.. anders?

Schon im Titellied werden den Hörer*innen sexistische, patriarchale Geschlechterbilder als kunterbunte wunderschöne Welt präsentiert, schon die ersten Zeilen machen deutlich, wie die Autor*innen die Geschlechter sehen: Jungen und Mädchen sind nämlich eben per se verschieden. Das Lied vermittelt unterschwellig, dass Jungen das Maß aller Dinge sind, an dem sich die Mädchen messen müssen:

Mädchen sehen vieles anders,
können manches besser,
bleiben stets am Ball.. die drei Ausrufezeichen..

Mädchen folgen jeder Fährte,
haben ihre Stärken,
lösen jeden Fall.

Die Formulierung „Mädchen sehen vieles anders“ reproduziert problematische Geschlechterzuschreibungen. Denn es ist klar, dass sich hier auf Jungen bezogen wird und „Weiblichkeit“ über Abgrenzung zu „Männlichkeit“ beschrieben wird.

Rosa Mädchenwelt

Die Sprechzeit der ersten Szene beträgt gerade einmal 40 Sekunden. In dieser lässt sich Kim, eine der drei Hauptprotagonistinnen, darüber aus, dass sie eine Schreibkrise hat, das Wetter schlecht ist und sie sich daher mit Schokolade „vollstopft“. Dabei macht sie sich vor allem große Sorgen um ihr Gewicht und dass ihr daher ihre neue Hose bald nicht mehr passen könnte.

In der zweiten Szene sprechen zwei Jungen über Kims Detektiv*innen-Plakat: „Und die wollen da nur aufgehübschte Tussen haben? Typisch Mädchen! Ich kann mir das genau vorstellen: Dicke Sonnenbrille auf wegen geheim und rumstolzieren wie Möchtegern-Models bei Heidi Klum.“

Bisherige Sprechzeit: Keine 2 ½ Minuten. Zeit genug, um Mädchen durch Jungen als aufgehübschte Tussen, rumstolzierende Möchtegern-Models, „Drei Engel für Charlie“-Verschnitte und als blöde Kuh herabzusetzen. Für das einzige Mädchen, das bisher zu Wort kam, scheint ihre Figur und ihr Gewicht im Mittelpunkt zu stehen.

Generell ist der hohe Anteil an männlichen Figuren erstaunlich, die vor allem die Funktion zu haben scheinen, Mädchen zu bewerten. In anderen Serien, in denen Jungen die Hauptrolle spielen – wie beispielsweise bei „Die drei ??? (Kids)“ – ist ein so hoher Anteil an weiblichen Figuren, wenn überhaupt welche vorkommen, undenkbar.

In der darauffolgenden Szene treffen sich die drei Hauptprotagonistinnen. Die Gesprächsthemen erstrecken sich von Spitznamen über Ponys bis hin zur Frage, welche coolen Jobs die Väter der drei Mädchen haben. Was mit den Müttern und deren Berufen ist, scheint bedeutungslos. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass „Eltern“ als Synonym für „Mütter“ verwendet wird, die vor allem für das emotionale Wohlbefinden zuständig sind.

Anschließend wird erst einmal gestritten und das nicht zum letzen Mal in dieser Folge. Im weiteren Verlauf werden Mädchen als „eingebildete Plantschkuh“, „arrogante Zicke“, „Madame“, „Heulsuse“, „Mädels, die in den Kindergarten gehören“, „Luder“ und „Mädchen im Hühnerstall“ bezeichnet. Mädchen werden als verheult, ängstlich und schreckhaft dargestellt, die sich vor allem mit Klavier- und Gesangsunterricht, Tieren, Tagebuch schreiben, Fingernägel rosa lackieren und Gurkenmasken („für die Schönheit“) beschäftigen. Gespräche unter Frauen werden natürlich in der Küche geführt. Als Marie auf Franzis Bruder Stefan trifft, gibt sie nur noch stotternde Sätze von sich. Es wird herausgefunden, dass Mädchen dann zur Diebin werden, wenn sie Geld für Handyrechnungen oder fürs Shoppen benötigen. Während Kim, Marie und Franziska die verdächtige Anna verfolgen, wundern sie sich, dass diese nicht einmal an einem Schuhgeschäft anhält. Die kurz darauf entführte Anna konnte durch ihr anhaltendes Weinen gefunden und das Türschloss mit einer Haarnadel geknackt werden. Den Trick hat eines der Mädchen von ihrem Vater gelernt, der in einer TV-Sendung einen Polizisten spielt.

Zu guter Letzt muss nur noch eine Zentrale für das neue Detektiv-Trio gefunden werden. Was liegt da näher als der Pferdeschuppen – wo sonst, wo es doch um Mädchen geht. Und dann muss noch schnell der Name der Detektivinnen eingeführt werden: „Die drei !!!“, dafür sind noch ein paar Sekunden übrig. Als Vorbild dienen „Die drei ???“. Das Ziel: Irgendwann genauso berühmt zu sein wie sie. Das Maß aller Dinge sind also mal wieder die Männer.

Munter sexistisch geht es weiter

Die Serie geht nach der ersten Folge, die symptomatisch für alle Fälle der „drei !!!“ steht, munter sexistisch weiter. Allein die Titel sprechen Bände und der Inhalt ist in keinster Weise weniger geschlechterstereotyp oder weniger frauenverachtend: Gefahr im Fitnessstudio, Kuss-Alarm, Gefahr im Reitstall, Duell der Topmodells, Herzklopfen, Küsse im Schnee, Stylist in Gefahr, verliebte Weihnachten, Skandal auf dem Laufsteg, Hochzeitsfieber!, Liebeschaos, Tanz der Herzen, das geheime Parfüm.

Die absurde und schräge Geschlechterdarstellung wird deutlich, vertauscht man einmal die Rollen:

Jens, der im Fall „Kuss der Meerjungfrauen“ nie ohne Lipgloss, Minirock und High Heels (denn perfektes Styling ist ihm wichtig) ein Schloss öffnet, Marc, der wenn er nicht völlig verliebt träumerisch und tagebuchschreibend durch die Gegend rennt, Jutebeutel in Herzform bastelt und Benno, der sich vor allem über Jens zu spät kommen aufregt, weil er sich wieder so aufbrezeln musste um den Mädchen zu gefallen.

Gender-Fortbildung für die Kosmos- und Europamitarbeiter*innen bitte

Verwunderlich ist dies alles nicht: Wurde doch Kosmos im Jahr 2018 mit dem Goldenen Zaunpfahl ausgezeichnet – ein Negativpreis für „absurde Auswüchse des Gendermarketings“.
Beim Hören der aktuellen Folgen wird jedoch deutlich, dass der Verlag daraus nichts gelernt hat.

Die Serie nutzt sexistisches Schubladendenken ohne dieses aufzubrechen. Ganz im Gegenteil werden eben jene Zuschreibungen gefeiert und es wird suggeriert, dass Mädchen biologisch angeborene Fähigkeiten hätten. Mädchen haben halt „Mädcheneigenschaften“. Dabei wird als Norm jedoch permanent die männliche Definitionsmacht über Weiblichkeit herangezogen. Diese sexistische und einseitige Darstellung ist für die jungen Zuhörer*innen nicht nur gefährlich, sie ist auch wissenschaftlich falsch. Ich möchte den Mitarbeiter*innen des Verlages Kosmos (und Europa) eine Fortbildung im Bereich Gender nahelegen, um ihren Blick für überholte Geschlechterstereotypen zu schulen und empowernde Vorbilder anbieten zu können.

Chance vertan!

Es wäre eine Chance gewesen, Mädchen abseits von stereotypen Geschlechterbildern darzustellen. Leider wird hier nur der Finger in die bekannten Wunden gelegt und Mädchen weiterhin in das Geschlechterkorsett gepresst. Chance vertan! Der nächste Goldene Zaunpfahl wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

 

Der Blogbeitrag ist unter anderem am 07. Juli 2019 auf der Seite der Rosa-Hellblau-Falle erschienen:

Die drei !!! – Selbstbewusste Mädchen oder Mager-Barbie im Ermittlungswahn?

 

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.