Gewalt unter der Geburt: Wo sind eigentlich die Väter?

Gewalt unter der Geburt: Wo sind eigentlich die Väter?

Im Jahr 2015 erschien das Buch „Gewalt unter der Geburt: Der alltägliche Skandal“ der Soziologin, Feministin und Autorin Christina Mundlos. Es wurde erstmals die strukturelle Gewalt an Frauen durch geburtshilfliches Personal öffentlich thematisiert und endtabuisiert. Seitdem kämpfen viele Frauen für eine gewaltfreie Geburtshilfe. Wer jedoch in der öffentlichen Debatte völlig fehlt, sind die Väter.

Gewalt unter der Geburt

Bei Gewalt unter der Geburt geht um es zum einen um psychische Gewalt (die Gebärende wird angeschrien, beleidigt, ausgelacht etc.) und physische Gewalt (Eingriffe ohne Aufklärung, ohne Einwilligung oder gegen den ausdrücklichen Willen der Gebärenden, sowie medizinisch unnötige Interventionen).

Die Gründe für Gewalt unter der Geburt sind finanzielle Anreize durch die Krankenkassen, die das Durchführen möglichst vieler Interventionen belohnt, Überlastung des geburtshilflichen Personals – vor allem, da eine Hebamme teilweise 5 -6 Geburten gleichzeitig betreut, patriarchale Strukturen und sadistische Grundeinstellungen des geburtshilflichen Personals. Christina Mundlos schätzt, dass mindestens 40 – 50% aller Geburten von Gewalt betroffen sind – dies ist ableitbar aus den hohen Interventionszahlen, die medizinisch nicht nötig sind und über der Grenze der Empfehlungen der WHO liegen.

Eine Befragung von Stern TV mit über 10.000 Frauen bestätigte diese Zahlen. Es gaben 56% der Befragten an, Gewalt unter der Geburt erlebt zu haben.

Die Folgen einer traumatischen Geburt sind verheerend für Mutter und Kind: Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Traumata, Verletzungen oder eine gestörte Mutter-Kind-Bindung um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein „männliches“ Problem

Das Problem beginnt bereits in der Schwangerschaft: Während sich Schwangere rund um das Thema Schwangerschaft, Geburt und Baby umfassend informieren und vorbereiten, wird dies von sehr vielen Vätern vernachlässigt. Viele Männer interessieren sich zu wenig für ihre Rolle als Vater und lassen damit die Partnerin allein. Dieses Problem zieht sich von der Planung der Schwangerschaft über die Geburt, der Kindererziehung bis zur fehlenden öffentlichen Präsenz der Männer, wenn es um das Thema Gewalt unter der Geburt geht.

Dieser Umstand ist der männlichen Sozialisation geschuldet und dem damit einhergehenden Männer- und Frauenbild, dass sich seit der Industrialisierung Endes des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Dabei geht die Arbeit rund um das Baby eng einher mit dem ohnehin traditionell zugeschriebenen Rollenverständnis, dass Frauen für die Care-Arbeit und die Kindererziehung zuständig sind und Männer für die Erwerbstätigkeit.

Männer lernen sehr früh in ihrer Sozialisation, dass es „Männerthemen“ und „Frauenthemen“ gibt. Männlichkeit wird vor allem durch Abgrenzung zu Weiblichkeit definiert.
Wickeln, Flasche geben, zu jeder Tages- und Nachtzeit aufstehen und sich um das Baby kümmern, all das passt eben nicht in das stereotype Bild des „typischen“ Mannes. Dieser geht lieber arbeiten und anschließend noch mit Freund*innen einen trinken, anstatt sich während der Elternzeit um das Baby zu kümmern, im überfüllten Wartezimmer der Kinderärzt*in zu sitzen, sich anspucken zu lassen oder stundenlang mit dem Baby zu spielen. Fürsorglichkeit, liebevoller Umgang, Kindererziehung, Tag und Nacht für das Kind auf den Beinen zu sein, das steht im Widerspruch zur männlichen Dominanzkultur. Insgesamt verbringen Väter viel weniger Zeit mit ihren Kindern als Mütter.

Unter der Geburt sind viele Männer verständlicherweise überfordert und vertrauen zum einem dem weißen Kittel des geburtshilflichen Personals, zum anderen wird sich generell auf Hebammen verlassen, die sich ja mit „Frauenthemen“ auskennen müssen.

„Männliche“ Stereotype müssen aufgebrochen werden. Väter müssen sich selber in die Pflicht nehmen, Verantwortung für ihre Kinder zu tragen – vor, während und nach der Schwangerschaft. Dabei ist es nicht die Aufgabe der Mütter, Männer für die Schwangerschaft, Geburt und die Kindererziehung zu aktivieren und zu motivieren. Es liegt in der Verantwortung der Väter, sollten die dies nicht tun, diese Aufgabe selbstverantwortlich zu übernehmen.

Zudem würden viele Frauen gerne zu Hause, in einem Geburtshaus oder in einer kleinen Klinik entbinden. Auch überlegen viele Schwangere eine Doula mit zur Geburt zu nehmen. All dies führt zu einem viel geringeren Risiko, Gewalt unter der Geburt zu erleben. Sehr viele Männer tendieren jedoch zu (großen) Kliniken, in denen Ärzt*innen die Gebärende „retten“ können. Der Wunsch der Schwangeren wird oftmals dem Drang des Mannes nachgegeben, dass es besser wäre, sich in die vermeintliche Sicherheit einer Klinik und in die Hand von Ärzt*innen zu begeben, als selbstbestimmt außerklinisch zu gebären. Natürlich gibt es auch problematische Schwangerschaften, bei denen eine Geburt in einer Klinik sinnvoll sein kann.

Dass auf die Wünsche, Bedürfnisse und Rechte der Gebärenden unter der Geburt keine Rücksicht genommen wird, reiht sich leider ein in frauenfeindliches antifeministisches Denken, dass Frauen über sich und über ihren Körper nicht bestimmen können oder dürfen und dieses Anderen überlassen müssen.

Viele Betroffene von Gewalt unter der Geburt sind nach dem schrecklichen Erlebnis traumatisiert. Sie suchen Hilfe bei dem Vater. Doch gerade Männer wollen oder können über das Erlebte nicht sprechen. Daraus folgt, dass viele Betroffene mit ihren seelischen und körperlichen Verletzungen alleine sind.

Der Grund dafür ist, dass sich die Väter schuldig fühlen, nicht für die Gebärende da gewesen zu sein, wo sie sie dringend benötigt hätte – und teilweise selber zum Täter geworden sind, weil sie die Gebärende beispielsweise festgehalten oder ihre Beine auseinandergedrückt haben, weil das geburtshilfliche Personal sie dazu aufforderte.

Gerade damit haben Männer jedoch ein Problem, da es eben nicht zur männlichen starken Beschützer-Rolle passt, die eigene Partnerin den Gewalttäter*innen schutzlos ausgeliefert gelassen zu haben und daneben gestanden und nicht gehandelt zu haben. Auch hier greift die männliche Sozialisation: Jungen spalten sehr früh in ihrem Sozialisationsprozess Emotionen ab und verlernen einen gesunden Selbstzugang zu ihren eigenen Gefühlen und den Umgang damit. Selbstfürsorge wird daher ein großes Problem für Männer, was sich auch an ihrem späteren Lebensstil, dem Umgang mit Krankheiten und der eigenen Gesundheit im Allgemeinen zeigt. Männer lernen, ihre Probleme zu verdrängen und runterzuschlucken anstatt darüber zu reden und Lösungswege zu finden.

Dies ist ein Grund, weshalb Väter nicht in der öffentlichen Debatte zu finden sind. Es hindert sie die Angst, dass mit dem Finger auf sie gezeigt und ihre Männlichkeit in Frage gestellt wird – sie wären der vermeintlichen männlichen Rolle nicht gerecht geworden, da sie die Gebärende nicht schützen konnten.

Dabei ist es ein wichtiger Schritt der Aufarbeitung, sich einzugestehen und sich bewusst zu machen, dass in sehr vielen Fällen die Gewalt nicht hätte verhindert werden können und den Vater keine Schuld trifft. Es ist das System und es sind die Menschen in diesem System, aber nicht die Eltern, die eine Schuld tragen, dass ihnen Gewalt unter der Geburt angetan wurde. Es ist wichtig, sich der Schuldgefühle bewusst zu werden und diese zu reflektieren. Diese Erkenntnis schafft die Möglichkeit, sich mit der eigenen Unsicherheit, mit der eigenen Männerrolle und deren Anforderungen auseinanderzusetzen um somit für die Betroffene nach der Geburt da sein zu können.

Gemeinsam klären, was der Gebärenden wichtig ist

Für die anstehende Geburt ist es sinnvoll, sich mit der Thematik „Gewalt unter der Geburt“ zu beschäftigen. Der erste Schritt für den werdenden Vater besteht darin, sensibel dafür zu werden, welche Formen der Gewalt die Gebärende im Kreißsaal erwarten kann. Klar ist aber auch, dass Gewalt unter der Geburt eventuell nicht verhindert werden kann, dass das Risiko aber durch gut vorbereitete und aktive Väter (sowie das Hinzuziehen einer Doula) stark gesenkt werden kann.

Vorab kann sich über mögliche Interventionen und deren Konsequenzen informiert werden. Wichtig ist es miteinander darüber zu sprechen und zu klären, was die Gebärende unter der Geburt möchte und was sie nicht möchte und wie der Partner auf gewalttätige Übergriffe reagieren soll. Wurde die Gebärende über anstehende Interventionen überhaupt aufgeklärt und hat sie diesen zugestimmt? Ist dies unterlassen worden, dann sollte darauf hingewiesen werden. Es kann nach Alternativen oder nach mehr Zeit gefragt werden. Es geht vor allem darum, die Gebärende in ihrer Selbstbestimmtheit zu stärken und Eingriffe durch geburtshilfliches Personal möglichst zu vermeiden. Die Bedingungen der Gebärenden sollten vor der Geburt klar definiert und schriftlich festgehalten werden. Es kann im Vorfeld mit der Nachsorgehebamme über das Thema gesprochen werden.

Über den Besuch eines Vorbereitungskurses kann nachgedacht werden – vom Hypnobirthing bis zur achtsamen Geburtsvorbereitung. Väter können Eltern-Ratgeber lesen um sich zu informieren.
Es sollte darüber nachgedacht werden, ob nicht eine außerklinische Geburt infrage kommt. Die Zahl von Interventionen beispielsweise in Geburtshäusern ist verschwindend gering. Sollte die Wahl jedoch auf eine Klinik fallen, dann ist der Besuch beim Informationsabend wichtig. Dort können Fragen zu den Kaiserschnittraten, Dammschnittraten, der Möglichkeit der Badewannennutzung oder beispielsweise ob auch alternative Gebärpositionen möglich sind, gestellt werden. Es ist aber auch wichtig sich bewusst zu machen, dass diese Infoabende Werbeveranstaltungen sind und mit den dort erhaltenen Informationen sehr kritisch umgegangen werden muss. Klinikbewertungen im Internet können helfen, sich ein besseres Bild zu verschaffen. Auch kann sich in den entsprechenden Facebook-Gruppen (siehe unten) über Erfahrungen in speziellen Kliniken ausgetauscht werden.

Aktives und weitsichtiges Handeln ist gefragt, gute Vorbereitung und ein starkes Standing.

Auch sollte über das Hinzuziehen einer Doula nachgedacht werden, die in einer 1:1-Betreuung für die Gebärende da ist, sie während der Geburt unterstützt und sie begleitet.

Eine gute Vorbereitung ist zudem wichtig, da Väter oft als sogenannte Second Victim bei Gewalt unter der Geburt indirekt betroffen und oft mittraumatisiert sind. Infolgedessen leiden sie oft an besagten Schuldgefühlen. Dies kann dazu führen, dass sie die Mutter nicht mehr adäquat unterstützen und mit ihr traumasensible umgehen können.

Zudem kann dies das Risiko Gewalt unter der Geburt zu erleben, senken, aber auch dass Väter selber traumatisiert werden.
Sollte trotz aller Bemühungen der Gebärenden Gewalt unter der Geburt widerfahren sein, so hat es nichts mit Schwäche zu tun, sich dies einzugestehen. Sprecht darüber, seid füreinander da und durchlebt die Zeit gemeinsam.

Was Väter noch tun können

In der öffentlichen Debatte sind fast ausschließlich Frauen zu finden. Dies lässt patriarchale Strukturen deutlich sichtbar werden. Gewalt unter der Geburt ist eng verknüpft mit frauenverachtendem und antifeministischem Denken.

Daher ist es wichtig, dass auch Männer in die Öffentlichkeit treten, laut werden und den Kampf auf politischer Ebene mit führen. Solange davon ausgegangen wird, dass der Beginn jeden Lebens ein reines „Frauenthema“ ist und sich die Väter, aber auch alle anderen Menschen daran nicht beteiligen, so lange werden Frauen diesen Kampf alleine führen. Viel effizienter wäre es hingegen, wenn dieser Weg gemeinsam gegangen wird. Es kann somit zusammen gegen die strukturellen frauenverachtenden Rahmenbedingungen, sowie gegen die Täter*innen vorgegangen werden und Politiker*innen können immer wieder darauf hingewiesen werden, dass sie sich mit der Gewalt unter der Geburt auseinandersetzen müssen. Umso mehr Menschen sich für eine gewaltfreie Geburtshilfe einsetzen, desto höher wird der öffentliche Druck auf die Täter*innen und Politiker*innen.

Was von Vätern außerdem getan werden kann:

  • Das Buch „Gewalt unter der Geburt“ von Christina Mundlos lesen und anderen Schwangeren schenken, sowie das Lesen ihres Blogs,
  • das Thema „Gewalt unter der Geburt“ kann in Geburtsvorbereitungskursen thematisiert werden,
  • für die Mutter da sein, sie unterstützen, ihr zuhören, sie massieren etc.,
  • sich um das Baby kümmern,
  • soziale Netzwerke und spezielle Gruppen zu dem Thema können genutzt werden (siehe unten unter „Info“),
  • Väter können Vereinen wie Mother Hood e.V. beitreten,
  • Väter können sich vernetzen,
  • politisch aktiv werden und für andere Männer Vorbilder sein,
  • am Roses Revolution Day (25.11. zeitgleich mit dem „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“) können auch Väter eine Rose und einen Brief vor der Kreißsaaltür abgelegen, hinter der der Gebärenden Gewalt angetan wurde. Der Brief kann zudem auf der Facebook-Seite der Roses Revolution veröffentlicht werden,
  • die Betroffene unterstützen, wenn sie eine Anzeige über die Straftat, die ihr im Kreißsaal angetan wurde, stellen möchte,
  • es können laufende Petitionen zu dem Thema unterstützt oder eigene eingereicht werden,
  • Kliniken können beispielsweise an Infoabenden gezielt auf das Thema Gewalt unter der Geburt angesprochen werden,
  • Blogger*innen können über das Thema schreiben,
  • Lokalpolitiker*innen können befragt und angeschrieben werden,
  • traumatisierte Väter können sich therapeutische Hilfe holen.

Appell an die Väter

Liebe Väter und Partner*innen, es geht um eure Partnerin und eure Kinder. Ihr seid eine der Wenigen, die sie in diesem intimen und wehrlosen Moment beschützen können. Ihr seid für eure Partnerin und für euer Baby mitverantwortlich. Übernehmt diese Verantwortung, werdet aktiv, werdet laut, tretet in die Öffentlichkeit und lasst eure Partnerin diesen Weg nicht alleine gehen: informiert euch („Gewalt unter der Geburt“ von Christina Mundlos, Roses Revolution oder beispielsweise Mother Hood e.V.), bereitet euch vor, tauscht euch aus, sprecht über Eventualitäten, sprecht über das, was die Gebärende möchte und was sie nicht möchte, sprecht über mögliche Reaktionsmöglichkeiten, über eine mögliche außerklinische Geburt und das Hinzuziehen einer Doula.

 

Info:
Für Väter und Partner*innen gibt es die Facebook-Gruppe: „Gewalt unter der Geburt – Gruppe für Väter und Partner*innen“, in der sie sich austauschen, vernetzen und informieren können.

Für Gebärende und Betroffene der Gewalt unter der Geburt gibt es die Facebook-Gruppe: „Gewalt unter der Geburt“ der Autorin des Buches „Gewalt unter der Geburt“ Christina Mundlos.

Hier kann in das Buch „Gewalt unter der Geburt – Der alltägliche Skandal“ rein gelesen werden:

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.