Sexismus im Tennis

Sexismus im Tennis

Sexismus durchzieht unsere Gesellschaft in allen Lebensbereichen zum Nachteil von Frauen und zu Gunsten von Männern. So auch im Tennis-Sport. Während von Männern starke, aggressive und durchsetzungsfähige Kämpfernaturen gepusht und präsentiert werden, sollen Frauen weiterhin angepasst sein, dem Schönheitsdikatat entsprechend auftreten und bloß nicht aus der vermeintlich weiblichen Rolle fallen. Und vor allem dürfen sie eines auf gar keinen Fall: Die Macht und den Erfolg von Männern bedrohen.

Sport oder doch etwa das Aussehen?

Es beginnt bereits lange vor den Turnieren: Die Presse und Fernsehreporter*innen debattieren bei männlichen Tennis-Spielern über Fitness, Trainingspensum und co., bei Frauen wird vermehrt über ihr Verhalten, ihr Aussehen, ihren Modegeschmack auf dem Platz und ihre Partnerschaften gesprochen. Diese Rhetorik folgt dem Ziel, Frauen auf ihren vermeintlichen Platz als Anhängsel von Männern zu verweisen: Schön anzusehen, aber nicht so leistungsfähig und erfolgreich zu sein wie Männer.

So wurde beispielsweise wochenlang ausgiebig über Serena Williams Catsuit diskutiert, anstatt sich mit ihren enormen sportlichen Leistungen zu beschäftigen. Vor allem schien es die Tennis-Welt am meisten zu beschäftigen: Darf sie in diesem oder jenem Outfit überhaupt spielen?

Aber auch über andere Sportlerinnen wird während der Spiele über ihr Aussehen diskutiert. Beispielsweise steht das Outfit der ehemaligen Nummer Eins der Welt und 5-maligen Grand Slam-Siegerin Marija Scharapowa immer wieder im Fokus der Kommentierenden.

Dass vor allem Männer mit erfolgreichen Frauen ein Problem haben, zeigt sich zudem an der Art, wie sie Tennis-Spielerinnen beschreiben. Während Rafael Nadal oder Roger Federer selten als „Junge“ bezeichnet werden, werden Frauen im Tennis erstaunlich oft als „Mädels“ oder „Mädchen“ betitelt“, „Diva“ oder „Beauty“ genannt.

Sexist Boris Becker

Boris Becker ist für seine sexistischen Sprüche bekannt. Regelmäßig lässt er objektivierende und sexistische Sprüche über Frauen ab. In einem Eurosport-Interview sprach er vor einiger Zeit über die deutsche Tennisspielerin Julia Görges. Dabei standen weniger ihre Fähigkeiten im Tennis im Mittelpunkt, als die Diskussion, dass sie nicht möchte, dass weiterhin über sie als „Gorgeous Görges“ gesprochen wird. Sie sagt, dass sie dies nicht mag, da sie nicht nur auf ihr Aussehen reduziert werden möchte. Eine Steilvorlage für den Sexisten Becker, der anfing zu debattieren, warum sie denn ein Problem damit hätte. Sie könne doch so genannt werden, dies sei ein Kompliment, denn sie sei ja schön. 6 setzen! Herr Becker hat nichts verstanden!

Sexist John McEnroe

Boris Becker folgt gleich der zweite prominente Sexist – John McEnroe – der immer wieder gegen Serena Williams wettert. Vor 2 Jahren behauptete er, Serena Williams sei zwar die erfolgreichste Tennis-Spielerin der Welt, bei den Männern würde sie aber maximal Platz 700 erreichen können. Darauf angesprochen, dass sie ja einmal gegeneinander spielen könnten, antwortete er: „Wenn, dann wäre jetzt der optimale Moment, um gegen Williams anzutreten. Sie sei ja gerade schwanger.“

Aha, also erst teilt McEnroe gegen Serena Williams aus, aber auf einen Vergleich würde er es nur ankommen lassen, wenn sie schwanger ist und daher natürlich nicht in der Form, in der sie ist, wenn sie täglich mehrere Male trainiert und auf Tour ist.

John McEnroe, der gerne Männer über alles stellt und sich von erfolgreichen Frauen bedroht fühlt, macht Serena Williams dann öffentlich klein, weil er dies auf Grund seiner männlichen Sozialisation nicht verkraften kann. Erbärmlich!

Lautstärke der Spielerinnen

Es gibt noch ein weiteres Thema, über das sich die Tennis-Welt gerne auslässt: Die Lautstärke beim Stöhnen der Tennis-Spielerinnen beim Spielen. Wie oft wurde in den vergangenen Jahren allein über Marija Scharapowa gesprochen, ihre Lautstärke beim Stöhnen während des Spielens gemessen und heftig darüber debattiert, ob dies nicht verboten werden müsste. Ob den Männern dabei einer abgeht, über die Lautstärke beim Sport von Frauen zu sprechen?

Es gab auch Diskussionen über die Lautstärke bei Männern, die aber auf einer ganz anderen Ebene geführt wurden und nie dermaßen im Zentrum standen wie bei Frauen.

Eurosport-Foren

Um die Nerven zu schonen, sollte nicht in die Eurosport-Foren gesehen werden. Es entsteht der Eindruck, dass sich Frauenhass in den Kommentarbereichen des Sportsenders besonders gut ausleben lässt – vor allem, da hier trotz regelmäßigem Melden von sexistischen und rassistischen Kommentaren kaum moderiert und reagiert wird.

Hier wird permanent über das Aussehen der Spielerinnen hergezogen, über ihre Nationalität oder darüber welche der Spielerinnen geeignet für Sex wäre. Ein großes Thema sind die Brüste der Spielerinnen, über die regelmäßig geschrieben wird. Aber auch andere Körperbereiche werden immer wieder auf frauenfeindliche Art und Weise diskutiert.

Ein weiteres Thema in besagten Foren sind die Preisgelder, die laut der Mainstream-Meinung in den Eurosport-Foren für Frauen viel zu hoch seien. Frauen können nicht so viel leisten wie Männer und dürfen daher nicht so viel verdienen. Das ist sowas von sexistisch wie auch falsch, dass nur mit dem Kopf geschüttelt werden kann.

„Herr Williams“

Die Krone wird dem Ganzen aufgesetzt, wenn über Serena Williams, eine der erfolgreichsten Tennis-Spielerinnen aller Zeiten geschrieben wird. Nicht nur, dass sie permanent beleidigt wird, frauenfeindliche Sprüche über sie gepostet werden, sie objektiviert und sexualisiert wird, ihr wird auch regelmäßig ihre Weiblichkeit abgesprochen. Sie wird meist einfach nur „Herr Williams“ genannt. Diese Männer scheinen sich enorm vor der starken Präsenz und des Erfolges von Serena Williams zu fürchten und ihre eigene Männlichkeit infrage gestellt zu sehen. Anstatt jedoch die Leistungen dieser großartigen Sportlerin anzuerkennen, wird die Diskussion ausschließlich auf ihr Aussehen verschoben. Es wird von Oben herab über sie gerichtet und ihr abgesprochen eine Frau zu sein.

US Open 2019

Am 7. September fand das Finale der US Open statt und es ist doch mal wieder erstaunlich: Da gewinnt die erst 19-Jährige Bianca Andreescu gegen die großartige Serena Willams das Finale der US Open – das letzte der 4. Grand Slams des Jahres – und die Expert*innen Matthias Stach (Sport-Journalist) und Barbara Rittner (Tennis Bundestrainerin), die das Match für Eurosport kommentieren, wissen auch sogleich, woran das liegt:

Stach: „..er (Andreescus Trainer) hat sie ganz viel auch mit Männern trainieren lassen, weil er gesagt hat, die hat genau die Mentallität.“

Rittner: „Und das ist vielleicht der Schlüssel, warum sie mit Geschwindigkeit überhaupt keine Probleme hat.“

Stach: „Isses!“

Rittner: „Wenn du damit aufwächst und immer mit Männern spielst, dann bist du das gewohnt.“

Es sind also mal wieder die Männer, die Frauen erfolgreich machen, und nicht vielleicht sie selber?

 

Sexismus ist allgegenwärtig. Es ist wichtig, dies immer wieder zu Benennen, sichtbar zu machen, anzusprechen und öffentlich zu kritisieren. Und liebe Männer: Es gibt keinen Grund, Euch von erfolgreichen Frauen bedroht zu fühlen, ganz im Gegenteil.

Es gibt keinen Grund dafür Euch aufzuwerten, indem ihr andere – vor allem Frauen – abwertet. Damit tut ihr weder Euch noch Anderen einen Gefallen, sondern erschafft weiterhin eine Welt, in der Sexismus und Frauenfeindlichkeit weiterhin produziert und reproduziert wird, aber ein Miteinander auf Augenhöhe kaum möglich sein wird.

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.