TKKG Junior: Jungs-Club mit Anhängsel

TKKG Junior Folge 1 Auf frischer Tat ertappt

Teil 3 der Reihe: Sexismus in Kinderhörspielen.

Im Juli 2018 erschienen vom Verlag Kosmos die ersten Folgen der Serie TKKG Junior als Buch sowie vom Tonstudio Europa als Hörspiel-CD. Die Serie richtet sich an Vorschul- und Grundschulkinder und basiert auf der Reihe TKKG (seit 1979), die sich im Gegensatz zu der Serie TKKG Junior an Jugendliche und Erwachsene richtet und für ihre sexistische und rassistische Darstellung bekannt ist, sowie für Diskriminierung von Obdachlosen und übergewichtigen Menschen.
Die Frage ist, ob der Ableger für unsere Kleinsten weniger sexistisch und diskriminierend als das Original ist und somit empfehlenswert?

Exemplarisch für die Serie steht Folge 1: „Auf frischer Tat ertappt“. Die Geschlechterdarstellung zieht sich durch alle bisher veröffentlichten 7 Hörspiel-Folgen.

Das Cover von Folge 1

Auf dem Cover sind die Hauptprotagonist*innen zu sehen: T(im), K(arl), K(lößchen) und G(aby) sowie Oskar, der Hund. Dass Gaby als einziges Mädchen auch im Band-Namen als letzte genannt wird, hat Ende der 70er Jahre beim Original bereits deutlich gemacht, welch reaktionäres Frauenbild in der Serie präsentiert wird.

TKKG verstecken sich auf dem Titelbild im Dunkeln hinter einer Haus-Ecke und beobachten einen vermeintlichen Einbruch. Die Farben sind daher sehr düster gehalten – die dunkelblauen Farben des Logos und am Rand des Covers, sowie auf der gesamten Rückseite und im Inlay suggerieren, dass hier bewusst auf Gendermarketing gesetzt wurde um sich an Jungen zu richten.

Gaby – Das Anhängsel im Titel-Song

Im Intro-Song wird TKKG vorgestellt. Jeder Figur wird dabei eine besondere Fähigkeit zugeschrieben:

Tim ist der Sportliche, ist clever und sehr mutig,
für Ungerechtigkeiten hat er überhaupt nichts übrig.

Karl der Computer hat ein super Gedächtnis,
ohne dieses Wissen wären die vier ganz schön aufgeschmissen.

Klößchen heißt eigentlich Willi Sauerlich,
Wie viel er naschen kann (jam-jam-jam-jam-jam-jam) ist schon sehr verwunderlich.

TKKG ist völlig undenkbar,
ohne Gaby Glockner und den Cockerspaniel Oskar.

Absolut unverständlich ist Gabys Darstellung: Während Tim mit clever und mutig beschrieben wird sowie seine Abneigung gegen Ungerechtigkeit benannt wird, Karls Gedächtnis gelobt wird ohne dessen Fähigkeiten TKKG laut dem Song aufgeschmissen wäre, ist Gabys Fähigkeit…. Tja, dass sie dabei ist. Sie scheint keine Fähigkeit zu besitzen und wird direkt in einen Topf mit Oskar, ihrem Hund, geworfen. Mädchen lieben ja Tiere, nicht wahr?

Aber auch die Darstellung von Klößchen ist problematisch. Hier wird direkt auf sein Übergewicht angespielt und sich darüber und somit über ihn lustig gemacht. Doch wird sein „Naschen“ noch als Fähigkeit und zu einem gewissen Grad als positiv dargestellt.

Die Charakter-Beschreibung des Verlages

Auf der Internet-Seite des Verlages Kosmos findet sich zudem zu allen 4 Charakteren eine Beschreibung:

  • Tim mag Judo, Leichtathletik und Fälle lösen. Was er nicht mag: Ungerechtigkeit.
  • Karl mag Technik, Bücher und Mathe. Was er nicht mag: Beim Lesen gestört zu werden.
  • Klößchen mag Abenteuer und Schokolade. Was er nicht mag: „Wilhelm“ genannt zu werden.
  • Gaby mag Tiere, ihren Hund Oskar, Schwimmen. Was sie nicht mag: Menschen, die Tiere schlecht behandeln.

Gaby werden hier vermeintliche Mädcheneigenschaften zugeschieben, aber keine Fähigkeiten wie Tim oder Karl sie besitzen, die für das Lösen der Fälle nützlich sein könnten. Klößchens Beschreibung ist zwar auch nicht unproblematisch, wenigsten findet aber er Abenteuer gut, was zur männlichen Rollenzuschreibung eines ermittelnden Detektives passt.

Folge 1: Auf frischer Tat ertappt

Klappentext:

„Eine Einbruchserie hält die Millionenstadt in Atem. Die Zielobjekte sind jedes Mal Häuser im teuren Villenviertel. Die Polizei tappt völlig im Dunkeln. Es gibt nicht die geringste Spur von den Tätern. Als Karl durch Zufall Zeuge einer geheimen Unterhaltung wird, kommen TKKG den Dieben auf die Spur …“

Nach dem Titellied habe ich nicht viel erwartet – und war beim Hören der ersten Szene sehr positiv überrascht.

Gaby wird dort nämlich ganz anders als ihr älteres Pendent des Originals als ein selbstbestimmtes, zielstrebiges, durchsetzungsstarkes Mädchen präsentiert, das innerhalb der Gruppe etwas zu sagen hat und eine wichtige Stellung einnimmt. Gaby ist aktiv, schlägt Aktivitäten vor und steuert das Geschehen von TKKG entscheidend mit. Ich war beim Hören dieser Szene erfreut und dachte, dass auch wenn der Titel-Song Müll ist, dass doch das Hörspiel aber an sich endlich mal ein positives Beispiel zu sei scheint, indem Mädchen nicht nur modefixierte, rettungsbedürftige passive Rollen zugeschrieben werden.

Etwas unpassend fand ich dann jedoch Gabys Reaktion auf die Frage, ob ihr Vater Kommissar Glockner aktuell an etwas Spannendem arbeitet. Sie lacht verlegen und unsicher, was umgekehrt bei den drei Jungen nicht vorkommt.

Als Gaby erklärt, dass ihr Vater und seine Kollegen über die aktuelle Einbruchsserie noch nichts Genaues wissen, wird deutlich, was sich durch das ganze Hörspiel ziehen wird: Es wird ausschließlich das generische Maskulinum verwendet. Auch wird Gaby zukünftig als „Freund“ betitelt.

Rückblickend erscheint es mir, als wenn die Verantwortlichen in der ersten Szene versucht haben, ein möglichst gleichberechtigtes Geschlechterbild darzustellen, dies aber nicht länger als eine Szene geschafft haben.

Alles beim Alten

Das Frauenbild wird nun wie in anderen Medien auch ganz reaktionär gezeichnet.

In der nächsten Szene ist Karls Vater die sprechende und handelnde Person, während seine Frau vor allem passiv oder lachend danebensteht. Es wird sehr bewusst betont, dass er ja ein Professor ist. Was Frau Vierstein von Beruf ist, wird gar nicht erst erwähnt. Frau Vierstein rennt anschließend gemeinsam mit ihrem Sohn Karl ihrem Mann hinterher.

Karl belauscht im Anschluss drei kriminelle Männer, die sehr aggressiv und bedrohlich auftreten. Ich habe daraufhin noch einmal nachgelesen und tatsächlich: Die Serie richtet sich auch an Vorschulkinder. Da wurde anscheinend leider völlig vergessen, an welche Zielgruppe sich das Hörspiel richtet.

Anschließend schöpfte ich noch einmal Hoffnung, da Gaby erneut selbstbewusst auftrat und den Jungen die Sachlage erklärte. Als sie jedoch den Satz: „..würde mein Vater jetzt sagen“ nachschob, um ihre Meinung zu untermauern, verflog meine Hoffnung wieder. In Folge 1 bezieht sich Gaby mehrfach auf ihren Vater, um ihre Meinung zu untermauern und wird dadurch als sehr klein und unsicher dargestellt.

TKKG betreten nun das Haus von Familie Sauerlich, Klößchens Eltern, die kurz davor sind, das Haus zu verlassen um Essen zu gehen. Wie bereits bei Familie Vierstein ist Herr Sauerlich derjenige, der die Dialoge bestimmt. Die stereotype Geschlechterdarstellung wird unter anderem auch durch Äußerungen wie von Frau Sauerlich deutlich, die die Sportgeräte ihres Mannes als „technisches Wunderwerk“ betitelt und klar macht, dass sie mit derartiger Technik nichts anfangen kann.

Darauf reagiert Herr Sauerlich: „Erna, bist du doch noch fertig geworden?“

Frau Sauerlich, die neben ihrem Mann steht: „Nein, ich stehe noch oben im Ankleidezimmer.“

Darauf lachen alle Anwesenden und Herr Sauerlich antwortet:

„Der war nicht schlecht mein Schatz, nicht schlecht.“

Es ist also witzig, sexistische Sprüche über seine Frau zu machen und alle Anwesenden fangen an zu lachen? Und es ist sicherlich kein Zufall, dass als direkte Reaktion Herr Sauerlich seine Frau „mein Schatz“ nennt. Semantisch sind solche besitzbeschreibenden Kosewörter nicht von ihrer Bedeutung zu trennen und zeigen hier die Machthierarchie zwischen den Geschlechtern auf.

Frau Sauerlich spricht daraufhin den Namen von Gabys Hund Oskar falsch aus und erklärt nun den Kindern, dass sie aufpassen müssen, dass Oskar keinen Dreck ins Haus bringt oder die Teppichfransen anknabbert. Gaby sagt sofort zu, dass sie darauf achten wird, während Herr Sauerlich darüber lacht.  Frau Sauerlich erklärt TKKG, dass das Essen – eine Rohkostplatte – fertig ist. Die Kinder sind darüber nicht sehr erfreut. Herr Sauerlich versucht seine Frau zu sabotieren indem er ihnen verrät, wo sie Süßigkeiten finden können. Frau Sauerlich erklärt, dass die Rohkostplatte ja wohl reichen müsse und Kinder sich gesund ernähren müssen, sowie auch Erwachsene, womit sie ihren Mann meint.

Frau Sauerlich wird hier eindeutig die Rolle der Hausfrau und Mutter zugeschrieben, die jedoch von den Anderen als nervig wahrgenommen wird. Herr Sauerlich hingegen scheint aus allen Haushaltstätigkeiten raus zu sein und würdigt die Arbeit seiner Frau damit, dass er den Kindern Tipps gibt, wie sie an anderes Essen kommen können. Aber auch gegenüber ihrem Mann scheint Frau Sauerlich eine mütterliche Rolle einzunehmen, in dem sie ihn darauf aufmerksam macht, dass er sich ja auch gesund ernähren muss.

Als Frau und Herr Sauerlich das Haus verlassen haben, sagt Gaby zu Karl, dass seine Mutter nicht gerade unanstrengend ist. Dies wird von einem anderen Kind mit den Worten „Ja total!“ bestätigt, worauf auch aus dem Hintergrund zustimmende Laute zu hören sind.

Karl antwortet darauf:

„Sie übertreibt es manchmal mit ihrer gesunden Ernährung und ihrem Ordnungsfimmel, aber ansonsten ist sie in Ordnung.“ Über die Rohkostplatte wird sich noch mehrmals in der Folge lustig gemacht werden.

Von dem ersten Eindruck, dass es sich bei TKKG Junior um eine Serie mit einem gleichberechtigten Geschlechterbild handelt, ist nicht viel übrig geblieben. Haushaltstätigkeiten werden ausschließlich Frauen zugeschrieben – aber nicht gewürdigt, ganz im Gegenteil wird genervt darüber gesprochen.

Noch einmal die Erinnerung: Es handelt sich hierbei um ein Hörspiel für Kinder im Vor- und Grundschulalter, das als Medium Geschlechterbilder von Kindern mit prägt und beeinflusst.

Während die Aktivitäten der Jungen immer mehr zunehmen, wird Gabys Rolle immer unscheinbarer und passiver: Sie entscheidet kaum noch etwas, im Mittelpunkt stehen ihre Gefühle und Probleme und sie stellt vermehrt Fragen.

Die Jungen entwerfen nun einen Plan um die Einbrecher zu fangen. Der Plan droht zu scheitern, da Gabys Handy keinen Empfang hat und sie ihren Vater nicht anrufen kann. Gaby drängt nun darauf, dass alle Vier zusammenbleiben, da ja nur Tim Judo kann um sie zu retten.

Zwei der drei Jungen rennen nun los, um Steine zu holen, damit sie die Einbrecher fangen können. Gaby bleibt weiterhin passiv und untätig. Es sind dann auch nur die Jungen, die den Plan schließlich ausführen.

Als Herr Glockner eintrifft, ruft Gaby erleichtert „Papiii!“ und stellt dann fest, dass sie ihren Hund Oskar im Haus völlig vergessen hat. Gaby wird immer mehr als inkompetent und hilflos dargestellt, während die Jungen das Geschehen lenken und kontrollieren und letztendlich die Gefahr ohne sie abgewendet haben. Ob Tim in der Situation auch völlig erleichtert „Mamiiii!“ gerufen hätte?

Als die Situation vollends geklärt ist, ruft Karl plötzlich: „Halt! Wir müssen noch was ganz Wichtiges tun, bevor meine Eltern zurück kommen. Wir müssen ganz schnell das Gemüse von der Rohkostplatte aufessen, sonst ist meine Mutter richtig sauer.“

Darauf brechen Alle in schallendes Gelächter aus.

Als Frau Sauerlich eintrifft, ruft Karl: „Ja, Mama, es geht mir gut. Nur die Rohkostplatte haben wir alle noch nicht geschafft!“ Worauf erneut alle lachen und Frau Sauerlich verwirrt ihren Mann fragt, was denn los sei.

Schade, dass auch in dieser neuen Serie Mädchen und Frauen so einseitig, so hilflos und so reaktionär dargestellt werden und dass auch hier sexistische Geschlechterbilder produziert werden.

Rollenverteilung

Es gibt 14 männliche Sprech-Rollen und 4 weibliche Rollen, was ein Verhältnis 77,78% zu 22,22% bedeutet. Den Bechdel-Test würde die Serie zudem nicht bestehen.

Auch die Darstellung der Berufe der Eltern von TKKG ist problematisch:

Karl: Vater ist Professor, Mutter ???
Klößchen: Vater gehört eine Schokoladenfabrik, Mutter ???
Gaby: Vater ist Kommissar, Mutter ???
Tim: Sein Vater ist gestorben, seine Mutter ist alleinerziehend. Laut Tim musste (!) sie wieder Vollzeit arbeiten – ihr Beruf wird nicht genannt – da sein Vater gestorben ist – sollte Frauen nicht ebenso zugestanden werden, Vollzeit arbeiten zu gehen und Karriere zu machen, wie es die Männer mit und ohne Kinder machen?

Es spricht Bände, wie die einzelnen Gruppenmitglieder auftreten: Während Gaby in Folge 1 nicht einmal alleine oder mit einem anderen Mädchen auftritt, gibt es gleich mehrere lange Szenen, in denen einer oder mehrere Jungen von TKKG auftreten, in denen Gaby überhaupt nicht vorkommt.

Fazit

TKKG Junior ist nicht so sexistisch wie „Die drei !!!“ oder so frauenverachtend wie beispielsweise Duell der Ritter der sexistischen Serie „Die drei ???-Kids“. Ein Prädikat für eine gleichberechtigte Darstellung der Geschlechter um die Serie als pädagogisch wertvoll einzustufen, erhält TKKG Junior aber bei weitem nicht. Nach einer ersten starken Szene fällt die Serie in den gleichen sexistischen Einheitsbrei, den wir aus Medien gewohnt sind und reproduziert sexistische Mädchen- und Frauenbilder am laufenden Band. Während die Jungen und Männer als kompetente Problemlöser auftreten, die sich über Mädchen und Frauen lustig machen oder genervt sind, werden eben diese als passiv, hilflos und unwissend dargestellt. Es werden ihnen vor allem Haushaltstätigkeiten und die Rolle der sich sorgenden Mutter zugeschrieben. Zudem scheinen sie ein Anhängsel von erfolgreichen Männern zu sein, ganz wie es bereits das Logo der Serie deutlich macht: T(im), K(arl), K(lößchen) und ganz zu letzt G(aby).

 

Sexismus in Hörspielen:

Teil 1:

Die drei !!!: Selbstbewusste Mädchen oder Mager-Barbie im Ermittlungswahn?

Teil 2:

„Die drei ???-Kids“: Sexismus und Frauenverachtung im Männerclub

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.