Toxische Männlichkeit: Warum fühlen sich so viele Männer von Greta Thunberg bedroht?

Greta Thunberg

Warum fühlen sich so viele Männer von einer 16-Jährigen Klimaaktivistin, die einfach nur dafür kämpft, dass die Welt nicht weiter zerstört wird, so dermaßen bedroht, dass sie alle Masken fallen lassen und wie von Sinnen meist mit Klarnamen im Netz gegen sie hetzen?

Um das zu verstehen, muss das Konstrukt „Männlichkeit“ näher betrachtet werden.

Greta Thunberg repräsentiert die weltweite Klimabewegung Fridays For Future. Neben der großartigen Solidarität, die die 16-Jährige erfährt, ist sie gleichzeitig Opfer von Bedrohungen, Beleidigungen und Hass.

Selten wird inhaltlich argumentiert, denn die Argumente hat sie auf ihrer Seite. Greta Thunberg wird vielmehr auf höchst erschreckende Art und Weise angegangen. Sie wird beleidigt auf Grund ihres Geschlechts, ihres Alters, ihres Aussehens, ihrer Größe, ihrer Herkunft, ihrer Zöpfe – die in Verbindung mit der NS-Zeit gebracht werden – oder ihres Asperger-Syndroms. Es werden in den sozialen Netzwerken Vergewaltigungs- und Ermordungsfantasien gepostet. Die Angriffe gegen Greta Thunberg sind persönlich. Und sie kommen vor allem von Männern.

Toxische Männlichkeit

Männliche Sozialisation findet vor allem durch Abgrenzung statt. Jungen definieren ihre Geschlechteridentität durch das, was sie nicht sein wollen: weiblich, schwach, weich, hilflos (wirken), behindert, homosexuell, anders oder Opfer von Gewalt/ Missbrauch.

Jungen lernen sehr früh, dass von ihnen erwartet wird, vermeintlich männliche Eigenschaften anzunehmen und vermeintlich weibliche Eigenschaften abzuspalten, da sie als unmännlich angesehen werden. So wird wildes, aggressives und raumaneignendes Verhalten bei Jungen belohnt, während sie sozial ausgegrenzt werden und Gewalt erleben, wenn sie männlichen Stereotypen nicht entsprechen. Ein gesunder reflektierter Selbstzugang zu sich selbst, den eigenen Gefühlen und zu anderen Menschen wird abgespalten. Jungen streben Dominanz und Kontrolle an, um mit diesen ambivalenten Anforderungen, Unsicherheiten und Gefühlen umgehen zu können. Außerdem entstehen Aggressionen auf alle Menschen, die sich diesen „männlichen“ toxischen Vorstellungen nicht anpassen.

Männer fühlen sich bedroht

Greta Thunberg durchbricht diese Vorstellung von hegemonialer Männlichkeit. Sie ist all das, worüber Männer glauben, dass sie darüber stehen: Greta ist weiblich, eine Jugendliche, sie ist selbstbewusst, zielgerichtet, sie ist erfolgreich und sie hat das Asperger-Syndrom.

Greta Thunberg repräsentiert all das, was die Jungen auf der einen Seite in ihrer Sozialisation abgespalten haben und aus ihrer männlichen Geschlechteridentität heraus abwerten, auf der anderen Seite aber eigentlich sehr gerne sein würden: Die Heldin, die sich gegen die mächtigsten Männer der Welt auflehnt und einen Kampf führt, bei dem sie für weltweite Menschenmassen ein Vorbild ist. Greta Thunberg ist eine erfolgreiche junge Frau – und damit haben Männer ein Problem. Greta Thunberg hat das geschafft, was Männer eigentlich Männern zuschreiben. Und sie führt ihnen ihr eigenes Versagen vor Augen, worauf sie mit Beleidigungen, Bedrohungen und Hass reagieren.

Greta Thunberg stellt die Macht von Männern infrage.

„Wie könnt ihr es wagen?“

Sie machte dies auf der UN-Klimakonferenz in New York am 24. September 2019 deutlich. Ihre Formulierung war so treffend, so selbstbewusst wie anklagend: „Wie könnt ihr es wagen?“ rief sie mehrmals Vertreter*innen der Politik entgegen.

„Wie könnt ihr es wagen?“ – „How dare you?“ -Greta Thunberg verdeutlichte mit dieser rhetorisch geschickten Formulierung, dass es nicht um die Frage geht, ob die Klimapolitik und unsere Erde ein Problem hat, sondern sie beschreibt dies als unumstößlichen Fakt. Und sie richtet sich damit an die Menschen, die die Politik lenken: In der Regel sind dies Männer.

Meinungsergebnisse nach Greta Thunbergs Rede

Daher ist es nicht überraschend, wie Greta Thunbergs Rede laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Civey für FOCUS Online in Deutschlands Politik-Anhänger*innenschaft aufgenommen wurde: Gerade einmal 5 Prozent der AFD-Anhänger*innen stehen der Rede positiv gegenüber, 18 Prozent der FDP-Anhänger*innen, 23 Prozent der Union-Anhänger*innen, 57 Prozent der SPD-Anhänger*innen, 66 Prozent der Linken-Anhänger*innen und 86 Prozent der Grünen-Anhänger*innen.

Insgesamt kam Greta Thunbergs Rede in der deutschen Bevölkerung  ausgewogen an (Männer 47%, Frauen 45%). Doch fühlen sich Frauen in der Regel eher seltener von einer Frau in ihrer Existenz und ihrer Geschlechteridentität so extrem bedroht wie Männer. Der Hass, die Bedrohungen, die Beleidigungen, die Diskriminierungen und der Sexismus werden vor allem von Männern produziert.

Ein weiter Weg

Greta Thunbergs Kampf macht nicht nur deutlich, wie groß die Probleme unserer Umwelt sind, sondern auch die der Geschlechter. Es ist ein weiter Weg, den der Feminismus, die Politik, die Bildung, pädagogische Fachkräfte und alle Menschen gehen müssen, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen, in der sich erwachsene Männer nicht von einer 16-Jährigen bedroht, verängstigt, in die Ecke gedrängt und infrage gestellt fühlen, die einfach nur versucht, unsere Welt ein wenig besser zu machen.

 

 

Autoren-Info:

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.