Wie feministisch ist Bibi Blocksberg? Interview mit der Erfinderin Elfie Donnelly und Gabriele Salomon (KIDDINX)

Interview zwischen Elfie Donnelly (Erfinderin von Bibi Blocksberg, Elea Eluanda und Benjamin Blümchen), Gabi Salomon (Geschäftsführerin bei  KIDDINX – früher KIOSK) und Sebastian Tippe von FeministInProgress.de.

Hinweis: Elfie Donnelly war für die ersten 41 Folgen von Bibi Blocksberg verantwortlich. Anschließend waren andere Autor*innen für die Skripte zuständig. Aktuell (Dezember 2019) sind 130 Folgen erschienen.

Bibi Blocksberg

Sehr geehrte Elfie Donnelly, sehr geehrte Gabi Salomon. Ich freue mich, dass wir heute ein wenig über Bibi Blocksberg sprechen können. Es soll vor allem um die Frage gehen, wie feministisch Bibi eigentlich ist, über ihre starke Rolle und deren Entwicklung und warum sie im Gegensatz zu den allermeisten anderen Hörspielproduktionen auf dem Markt ein Vorbild für Mädchen sein kann.

Frau Donnelly, Sie haben Bibi Blocksberg erfunden. Wie kamen Sie auf die Idee?

Über diese Art der Fragestellung muss ich stets lachen! Eine Idee hat es an sich, dass ihr keine Überlegungen vorangehen. Ideen sind einfach da, sie werden aus dem Nichts gepflückt. Aber natürlich war der Boden bereitet: Die Produktionsfirma und ich wollten eine etwas Mädchen-affinerie Serie machen, ein weibliches Wesen gehörte in den Mittelpunkt, und zwar kein weiblicher Elefant… Was lag da näher, als dass ein Hex-hex-Blitz mich nachts überfiel? 🙂

 

Wir leben leider in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Mädchen dazu erzogen werden, sich Jungen und Männern unterzuordnen. Bibi durchbricht jedoch diese gesellschaftlichen Strukturen und zeigt sich feministisch. Bibi ist selbstbewusst und selbstbestimmt, Bibi ist mutig, zielstrebig und rebellisch und ordnet sich Jungen und Männern nicht unter. Aber auch der von Ihnen geschaffenen Ableger Elea Eluanda zeigt sich gesellschaftskritisch und thematisiert die Probleme der querschnittsgelähmten Hauptprotagonistin. Wie sehr hat Ihr eigener Lebensweg und Ihre feministische Sichtweise Bibi geprägt?

Ich halte weder Bibis noch Eleas Sichtweise für besonders feministisch. Wenn man genau hinschaut oder hinhört, ist auf jeden Fall Bibi doch sehr auf den patriarchalischen Vater bezogen und lässt ihn gemeinsam mit der Mutter oft im Glauben, er sei der Herr im Haus. Wären sowohl Bibi als auch Barbara Blocksberg wahre Feministinnen, müssten sie nicht tricksten. Dann würde Bernhard Blocksberg längst mit seinem Ränzel unter der Brücke schlafen. Vergessen wir nicht, dass Bibis Anfänge in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts liegen. Würde man Bibi und Barbara das Hexen-Gen entfernen, wären die Beiden möglicherweise etwas serviler dem Gatten und Vater gegenüber. Der Feminismus, das weibliche Selbstbewusstsein, reckte  in den 70ern erst langsam seinen Kopf in den Mainstream. Es war eine Art Zwischenwelt des feministischen Bewusstseins. Elea dagegen ist bereits in eine andere Zeit geboren, sie kennt ihre Rechte und ihre Gleichwertigkeit und lässt sich trotz ihrer Behinderung nicht unterkriegen.

 

Es gibt in der Serie weitere starke weibliche Charaktere. Was war Ihnen bei diesen Figuren – beispielsweise Karla Kolumna – wichtig?

Karla Kolumna – tja, die muss sich, auch sie, wie gesagt, noch ein Kind der 70er Jahre – durch Frechheit und Wissen behaupten. Sie ist überzeugter Single, möglicherweise sogar mehr Frauen zugeneigt als Männern. Sie ist ein richtiger Kumpel. Gibt es dafür eine weibliche Bezeichnung? Eine Kumpeline?

 

Haben Sie Barbara und Bernhard Blocksberg bewusst sehr traditionell als Gegengewicht zur feministischen Bibi angelegt?

Ich sehe nicht viel Unterschiede zwischen Barbara und Bibi. Na ja, Barbara fördert in Bibi die Stärke, die sie sich selbst noch nicht so ganz zutraut oder eben nur durch Hexenkräfte ausleben kann. Bernhard ist ein Weichei. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Er ist ja eifersüchtig auf die Kräfte seiner Frauen, die ihm immer wieder seiner männliche Ehre ankratzen und ihn oft als den freundlichen Deppen, der er ja ist, demaskieren. Armer Bernhard… Ich hatte im meinem Leben einige Vorbilder dieser Art. Mit mir ist als Weibchen nicht gut Kirschen essen, höchstens, wenn wir sie zusammen stehlen 🙂

 

Mit der Figur des inkompetenten Bürgermeisters zeigen Sie ein großes patriarchales Problem auf: Frauen haben trotz besserer Abitur-Noten und Studium-Abschlüsse  geringere Chancen auf gehobene Führungspositionen. Diese werden oft mit schlechter qualifizierten Männern besetzt. Was waren Ihre gesellschaftskritischen Gedanken beim Erfinden der verschiedenen (männlichen) Figuren wie der des Bürgermeisters?

Ui, das ist ja alles sehr ernst, und so will ich das Leben nicht haben. Korrupte Politiker gibt es mehr als korrupte Politikerinnen, weil Frauen immer noch der Verantwortung aus dem Weg gehen, sich zu wenig zutrauen, aber auch, weil sie halt als Tausendsassinnen Kinder-Küche-Beruf unter einen Hut bringen wollen. Wesen mit höheren Stimmlagen werden auch leichter niedergeschrien und unterbrochen. Da kann Frau oft nur den Kopf schütteln und resignieren, den Mann nicht ernstnehmen. Aber leider ist das sogenannte starke Geschlecht, in Wahrheit das Schwache, Gebärunfähige, nicht Ausgleichen-Könnende, in der Mehrzahl, weil es sich vordrängt. Bei jedem Fernsehbericht über kriegerische Auseinandersetzungen, egal ob brutales Blutvergießen stattfindet, ob bei Demonstrationen oder Vollversammlungen – immer noch muss Frau ihresgleichen mit der Lupe suchen. Ich möchte da oft die Männer aus den bewegten Bildern herausretouchieren und auf die leere Fläche hinweisen.

Elfie Donnelly

(Elfie Donnelly – Erfinderin von Bibi Blocksberg, Elea Eluanda und Benjamin Blümchen)

Wie hat sich Bibi seit 1980 verändert?

Elfie Donnelly: Ich kann dazu gar nicht viel sagen. Sie bleibt ja immer 13, aber da die Zeiten sich ändern, ändert sich auch Bibis Verhalten. Nicht wahr, Gabi?

Gabi Salomon: Bibi ist im Laufe der Jahre zwar 13 geblieben, aber doch etwas erwachsener geworden. Sie hat ja nun auch schon viel erlebt! Aber in ihrem Kern bleibt sie die Selbe und sich treu.

 

Wie haben sich die Freundschaften von Bibi in den Jahren verändert?

Elfie Donnelly sagt dazu: Altersgemäß!

Gabi Salomon: Und beständig, auch wenn es mal Krach gibt. Bibi weiß wie wertvoll Freundschaften sind.

 

Gibt es eine besondere oder witzige Erinnerung, die sie mit den Leser*innen teilen wollen (vom Schreiben der Geschichten, von den Aufnahmen, Gespräche mit Sprecher*innen oder Begegnungen etc.)?

Elfie Donnelly: Nein. Ich erinnere mich kaum an spezielle Erlebnisse der dritten Art, es ist mehr ein dumpfes Gefühl des Wohlbehagens, wenn ich an die Aufnahmen in den 70ern und 80ern denke. Einfach nur schön. Lustig. Tolle tolle Sprecher, eine gute Stimmung, ein fantastisches Team. Die Redaktion von Jutta Buschenhagen-Herzog war so einfach, wir haben uns gut verstanden und waren fast immer einer Meinung. Und der wunderbare Uli Herzog, der hoffentlich mit Wohlwollen auf uns herabsieht aus dem Hexenhimmel, und der sein Leben so wie Jutta ganz dem Hörspiel gewidmet hatte, bleibt unvergessen und unersetzlich.

Gabi Salomon: Ich habe auch keine einzelnen Momente im Kopf. Das Gefühl des Wohlbefindens kann ich allerdings teilen. Es gibt ja auch immer noch Menschen im Team die von Anfang an dabei sind, und auch die neuen Kollegen machen das alle mit viel Herzblut und Engagement. Ich denke immer das sich das am Ende in den Geschichten wiederspiegelt.

Gabriele Salomon

(Gabriele Salomon – Geschäftsführerin von KIDDINX)

Bibi gibt es nun schon seit 1980. Es existieren neben den Hörspielen eine TV-Serie, viele Merchandising-Produkte, mehrere Spin-Offs und Kinofilme. Wohin wird Bibi uns noch führen?

Gabi Salomon: Leider habe ich keine Hexenkugel in die ich dazu schauen kann. 🙂

Vor allem wird uns Bibi noch in viele neue Abenteuer und Geschichten führen. In welcher Form diese dann umgesetzt werden, ob es irgendwann Formate gibt die wir heute noch gar nicht kennen, das wird sich zeigen.

 

Arbeiten Sie an etwas Neuem, worauf sich Ihre Leser*innen freuen können, Frau Donnelly?

Ja, und diesmal ist es ein kleiner Junge, der im Mittelpunkt steht: Draculino, ein 7jähriger, dem zum vollwertigen Vampir doch noch Einiges fehlt. Und bald wird sich herausstellen, ob Elea Eluanda noch eine zweite Chance bekommt!

 

Was wollen Sie Mädchen mit auf den Weg geben? Was können sie von Bibi mitnehmen und lernen?

Elfie Donnelly: Lass dich nie unterkriegen, auch wenn du nicht hexen kannst. Du bist genauso viel wert wie jeder andere Mensch auf dem Planeten. Sei frech, ohne andere zu verletzen. Sei wach und keine Mitläuferin. Finde heraus, was d i c h  glücklich macht und erfülle nicht die ungelebten Träume deiner Eltern. Du bist Du.

Gabi Salomon: Dem kann ich nichts hinzufügen.

 

Ich bedanke mich für das wundervolle und tolle Interview. Frau Donnelly, Sie haben mit der Figur der Bibi Blocksberg ein Vorbild für Mädchen geschaffen, das mutig, stark, feministisch, selbstbewusst und zielstrebig ist. Bibi scheint zeitlos zu sein und damals wie heute Hörer*innen zu begeistern und zu inspirieren. Danke Frau Salomon, dass Sie Bibis Geist und Geschichten weiterführen und neue Generationen die Möglichkeit geben, sich von Bibi verhexen zu lassen. Vielen Dank!

Wir danken für das Interview!

Autoren-Info:

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für Schüler*innen um Geschlechterrollen aufzubrechen.