Attentat in Atlanta – wie Gewalt gegen Frauen unsichtbar gemacht wird

Am 16.03.2021 ermordete der 21-jährige Robert A. im Großraum Atlanta acht Menschen in unterschiedlichen Massagesalons. Da sechs der Getöteten asiatischer Herkunft sind, wird nun weltweit über Rassismus gesprochen. Was jedoch völlig ausgeblendet wird: Sieben der acht Opfer waren Frauen! Das Motiv Frauenhass (Misogynie) fehlt in dieser Debatte völlig wie bei allen vorangegangenen Attentaten und Anschlägen. Die Gründe sind in unserer patriarchalen und frauenfeindlichen Gesellschaft zu finden.

Amokläufe, Terroranschläge und Attentate haben eines gemeinsam: Die Täter sind fast ausschließlich Männer. Viele gehören der Incel-Szene an oder werden von dieser für ihre Taten gefeiert. Die Incel-Szene ist eine Gruppierung von Männern, die wie sie selber sagen, unfreiwillig keinen Sex mit Frauen haben, jedoch der Meinung sind, dass sie sich diesen auch mit Gewalt nehmen dürften. Incels haben extrem frauenfeindliche Einstellungen. Darüber hinaus verschränken sich Misogynie und rassistische Einstellungen bei vielen dieser Männer.

Bei den Attentaten in Atlanta ist es offensichtlich, dass Rassismus bei weitem nicht das einzige und schon gar nicht das Haupt-Motiv für die Taten ist. Dass sieben der acht Opfer Frauen sind, ist kein Zufall!

Der Täter selber sagt, dass er seine Taten aufgrund seiner „Sexsucht“ begangen habe um die „Versuchung auszumerzen“. Die Aussage des Täters macht deutlich, dass Frauenhass und toxische Männlichkeit der Grund für seine Morde waren.

Noch deutlicher werden die frauenverachtenden Hintergründe, wenn bedacht wird, dass die sogenannten Massagesalons in Wirklichkeit Bordelle darstellen, in denen täglich Männer Gewalt an Frauen ausüben und sie vergewaltigen:

Auffällig ist, dass in der medialen Berichterstattung mit keinem Wort die Rede von Frauenhass, Incels, toxischer Männlichkeit und den patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen ist. Das ist jedoch nichts Neues: Wir finden täglich diese Form der Berichterstattung, die Gewalt gegen Frauen völlig ausblendet, herunterspielt oder ignoriert. Vergewaltigungen werden dann beispielsweise als „Sexattacke“ betitelt, Femizide, also wenn Männer ihre (Ex)Partnerin ermorden, als „Familiendrama“, „Ehetragödie“ oder als „Beziehungsdrama“ – wodurch das Ausmaß der Tat völlig verharmlost und den Opfern eine Mitschuld unterstellt wird.

US-Präsident Biden hat zum Engagement gegen Rassismus aufgerufen. Er sagte:

Kein Wort von toxischer Männlichkeit und Frauenhass. Dabei ist bekannt, wie sich Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus verschränken. Den Aspekt des Frauenhasses einfach auszublenden, wobei fast alle Opfer Frauen waren, verhöhnt diese und deren Angehörigen und verfehlt völlig das eigentliche Ziel. Denn nur wenn das wahre Problem hinter solchen Taten, nämlich die misogyne patriarchale Gesellschaft mit toxischen Männern, benannt wird, kann auch begonnen werden, etwas dagegen zu unternehmen. Einzig Vize-Präsidentin Kamala Harris benennt Sexismus als ein Problem.

Darüber hinaus wird in der deutschen Berichterstattung fortlaufend von „asiatisch-stämmigen Amerikanern“ gesprochen. Sprachlich werden die Opfer auch auf diese Weise unsichtbar gemacht, denn es handelt sich vor allem um Amerikanerinnen:

 

Die Aussage der Polizei ist ebenfalls nicht nachvollziehbar, denn wenn sieben von acht Frauen die Todesopfer ausmachen, wahrscheinlich größtenteils Prostituierte, dann kann klar vom Motiv Frauenhass gesprochen werden:

Völlig fassungslos macht die Aussage eines Polizeivertreters, dass der Täter aufgrund eines „sehr schlechten Tages“ sieben Frauen und  einen Mann ermordet hat:

Wenn dass das Motiv wäre, dann würden die meisten Menschen irgendwann jemanden ermorden, denn alle haben einmal einen „sehr schlechten Tag“.

Die Aussage der Süddeutschen Zeitung ignoriert ebenfalls das Motiv des Frauenhasses, obwohl sie sogar sechs der sieben getöteten Frauen nennt, jedoch ausschließlich den Teilaspekt Rassismus im Fokus hat:

Auch der SWR3 nennt Rassismus sowie Sexsucht als Motiv. Derartige Aussagen sind perfide, denn eine Sexsucht, sollte der Täter diese überhaut haben, macht niemandem zu einem Massenmörder. Auch der Hinweis, dass es sich um ein rassistisches Motiv handeln würde, da die meisten Todesopfer asiatischer Abstammung waren, ignoriert völlig, dass die meisten Todesopfer Frauen waren:

Zeit Online schreibt, dass sieben der acht Todesopfer Frauen sind, hinterfragt diesen Tatbestand jedoch wie die anderen Berichterstattungen nicht, sondern verweist nur darauf, dass der Täter ein rassistisches Motiv bestreitet:

Auch die Welt berichtet von den getöteten Frauen, spricht aber auch nur von einem rassistischen Motiv:

Die Tagesschau zitiert den amerikanischen Präsidenten, der Rassismus scharf verurteile. Von Frauenhass spricht er mit keinem Wort. Seine Lösung: „Wir müssen unsere Herzen wandeln.“ Das Patriarchat, toxische Männlichkeit, misogyne und rassistische Gewalt wird mit derartigen Plattitüden jedoch nicht verschwinden.

Aber warum findet es in der medialen Berichterstattung keine Erwähnung, dass Frauenhass das Motiv der Tat gewesen ist? Warum wird ausschließlich von Rassismus gesprochen, der natürlich ebenfalls eine Rolle spielt als Teil von männlich-toxischen Einstellungen des Täters?

Der Grund ist, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, in der alle Männer von dieser profitieren. Männlichkeit bringt für Männer enorme Privilegien und Vorteile mit sich. Darüber hinaus ist Teil von männlichen Geschlechtervorstellungen, dass weiße, heterosexuelle Männer an der Spitze der Gesellschaft stehen. Alles vermeintlich „Weibliche“ oder „Unmännliche“ wird als schwach angesehen. Rassismus und Sexismus verschränken sich dabei, mit dem Ziel, die Macht weißer Männer zu (re)produzieren.

94% der inhaftierten erwachsenen Straftäter sind Männer (Quelle) , 97% der Täter bei sexueller Belästigung sind Männer, über 99% der Vergewaltiger sind Männer, aber verurteilt werden weniger als 1% (Quelle), wobei 94% der Vergewaltigungsopfer Mädchen und Frauen sind (Quelle). Gewalt ist ein männliches Problem, das mit dem Patriarchat, männlichen Privilegien und der männlichen Geschlechterrolle verküpft ist!

Deutschland hat sich durch die Ratifizierung der Istanbul-Konvention dazu verpflichtet, gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen vorzugehen. Doch auch das wird nicht umgesetzt und die gesetzlichen Bestimmungen werden ignoriert!

Wenn sich eine Gesellschaft endlich mit den Ursachen solch erschreckender Taten auseinandersetzen würde, dann müssten sich Männer auch mit ihrem problematischen Selbstbild, ihren frauenfeindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen auseinandersetzen und sich eingestehen, dass sie selbst Teil des Problems sind. UND: Sie müssten, wenn wir eine gleichberechtigte Gesellschaft erreichen wollen, Macht und Privilegien abgeben. Das wollen die meisten Männer nicht! Daher wird die eigene gesellschaftliche Machtposition nicht thematisiert und Gewalt gegen Frauen wird ignoriert und unsichtbar gemacht, damit niemand auf die Idee kommt, an dem empfindlichen Männerbild zu rütteln!

Autoren-Info:

Sebastian Tippe ist Diplom-Pädagoge, Autor, arbeitet als Fachberater für Erziehungsstellen und Familienwohngruppen, als Fachkraft bei Kindeswohlgefährdung und ist Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Sebastian Tippe hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel und bietet Workshops zu feministischen Themen, insbesondere zu toxischer Männlichkeit, an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an sowie Workshops für männliche Schüler um Geschlechterrollen aufzubrechen und toxische Männlichkeit abzubauen.

2021 erschien sein Buch „Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern“ im edigo-Verlag.
316 Seiten, broschiert 18,50 €, eBook 14,99 €