Bibi Blocksberg: Feministisch und mit Hexenkraft für das Klima

Bibi Blocksberg

Wer kennt sie nicht? Bibi Blocksberg, die kleine Hexe aus Neustadt, die mit ihrem fliegenden Besen Kartoffelbrei durch die Luft fliegt und mit ihrem bekannten „Eene meene“ ihre Hexensprüche beginnt.

Die Serie Bibi Blocksberg, die erstmals 1980 auf MC beim Verlag Karussell – heute KIDDINX – erschien, unterscheidet sich in einem gravierenden Punkt von so ziemlich allen anderen Hörspiel-Serien auf dem Markt: Sie ist in großen Teilen feministisch.

Bibi, die aus einem traditionellen Elternhaus stammt, möchte sich von Männern nicht die Welt erklären lassen und durchbricht Geschlechter-Stereotype. Bibi ist stark, mutig, abenteuerlustig, selbstbestimmt und selbstbewusst – und schreckt auch nicht vor Männern zurück, die vermeintlich das Sagen in Neustadt haben. Der Bürgermeister, der zwar das oberste Amt der Stadt innehat, ist leider völlig inkompetent und wird von seinem Sekretär Pichler so weit wie möglich unterstützt.

Ein wichtiges Element der Serie ist zudem, dass bis auf einige seltene Ausnahmen nur Frauen hexen können.

Im September 2019 erschien die Folge: 129: „Ein sensationelles Team“, die der KIDDINX-Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte.

 

Klappentext Folge 129

Bibi und Marita wollen an den Baggersee zum Baden. Doch der ist eingezäunt und sie werden weggeschickt. Was soll das? Zusammen mit Neustadts rasender Reporterin Karla Kolumna macht sich Bibi auf die Suche nach den Hintergründen. Natürlich hat der Bürgermeister seine Finger im Spiel. Aber dann kommt alles anders und sogar er wechselt die Seiten!

 

Das Cover

Bibi Blocksberg

Auf dem Cover ist Bibi zu sehen, wie sie auf ihrem Besen Kartoffelbrei über das Neustädter Rathaus fliegt. Hinter ihr sitzt Karla Kolumna, an der sich der verängstigte Bürgermeister festhält.

 

Rezension

Es fühlt sich gut an, nach all den sexistischen Hörspielen (beispielsweise „Die drei !!!“, „Die drei ???-Kids“, „TKKG-Junior“ uvm.) endlich ein Hörspiel zu hören, das patriarchale Strukturen infrage stellt und starke Frauenrollen präsentiert.

Bibi wird dargestellt, wie wir es ansonsten hauptsächlich von Jungen und Männern gewöhnt sind: Bibi ist aktiv, selbstbewusst, sie sagt Männern unabhängig ihrer Machtposition die Meinung, Bibi ist rebellisch, mutig, selbstbestimmt und trifft gut durchdachte Entscheidungen.

Auch ihre Freundin Marita ist kein „typisches weibliches Anhängsel“: Sie hat den Plan, sich für die Ferien einen Ferienjob, am liebsten als Hundesitterin, zu suchen und setzt dies in die Tat um. Sehr erfreulich ist dabei, dass dabei die weibliche Form und nicht wie sonst üblich das generische Maskulinum verwendet wird. Dies sah in den Anfängen von Bibi Blocksberg auch einmal anders aus (zum Beispiel „Bibi als Babysitter“, Folge 33, Erscheinungsjahr 1986).

Auch die Gegenspielerin ist weiblich: Gloria Goldregen. Sie ist eine knallharte Geschäftsfrau, die den Bürgermeister übers Ohr haut und ihm neben seiner Limousine auch seinen Sekretär Pichler vertraglich abnimmt. Als Bibi ein Monster hext um Gloria zu vertreiben, lässt diese sich davon in keinster Weise beeindrucken und zerstört das Monster.

Der Bürgermeister hat zwar in Neustadt das höchste Amt inne, ist jedoch in höchstem Maße inkompetent. Ohne die Hilfe von Karla Kolumna oder Bibi Blocksberg wäre er so manches Mal völlig aufgeschmissen und überfordert.
Seine Rolle steht für die patriarchalen Strukturen, in denen wir leben, in denen Frauen trotz besserer Noten in Abitur und Studium strukturell benachteiligt werden und kaum in hohen Führungspositionen zu finden sind, schlechter qualifizierte Männer aber erstaunlich oft völlig überrepräsentiert sind.

Hörprobe:

 

Der Bürgermeister ist zudem ein gutes Beispiel für die Ambivalenz, in der sich Männer auf Grund ihrer männlichen Sozialisation befinden: Auf der einen Seite möchte er über den Bürger*innen stehen und das Geschehen kontrollieren und steuern – Stichwort toxische Männlichkeit – auf der anderen Seite ist er ständig völlig überfordert, hat aber enorme Schwierigkeiten, sich dies selber oder anderen gegenüber einzugestehen.

Positiv im Bezug auf männliche mediale Darstellung ist die emotionale Seite des Bürgermeisters: Er weint, da er auf Grund seiner Inkompetenz seinen Sekretär Pichler sowie seine Limousine an Gloria Goldregen abgeben muss. Kurz darauf eröffnet er Bibi – auch wenn es ihm schwer fällt – dass er Angst vor dem Fliegen auf Bibis Besen hat. Da wird die enorme Wirkung des Patriarchats deutlich: Männer geben sozialisationsbedingt ungern Fehler zu – und schon gar nicht, wenn sie von einer Frau manipuliert wurden. Über Bibis und Karlas Hilfe ist er letztendlich jedoch sehr dankbar. Zum Ende der Geschichte schließt er sich den Demonstrant*innen an und fesselt sich selber an einen Baum. Die Szene greift die Demonstrationen aus dem Jahr 2018 gegen die Waldrodung des Hambacher Forst auf.

Die patriarchale Rolle von Männern in unserer Gesellschaft wird durch die Rolle des Bürgermeisters auch im Bezug auf andere Lebenskontexte thematisiert. Beispielsweise wird angeschnitten, dass Männer oft ihre Karriere über die Familie stellen oder, dass Männer – hier in Form des Bürgermeisters – berufliche Bestrebungen über das Allgemeinwohl der Bürger*innen und den Umweltschutz stellen („Bäume wachsen nach, meine Limousine nicht“.)!

Pichler, der Sekretär des Bürgermeisters, durchblickt immer wieder die Problematik der Situation und weist den Bürgermeister darauf hin. Pichler, der sich zwar stark unterordnet, hat das Herz an der richtigen Stelle und durchbricht männliche Stereotype. Er sucht beispielsweise bei Bibi und Karla Hilfe oder zeigt sich überfordert und unsicher beim Hunde-Ausführen, bleibt aber reflektiert und bricht aus der „coolen Männerfassade“ aus.

Karla Kolumna, die als rasende Reporterin für viele angehende Journalist*innen der 80er und 90er ein Vorbild war, ist wie Bibi tough und selbstbewusst. Regelmäßig so auch in dieser Folge weist sie den Bürgermeister in seine Schranken.
Karla lässt sich nicht einschüchtern und nennt den Bürgermeister wie eh und je „Bürgermeisterlein“ und seinen Sekretär „Pichilein“, demontiert männliche Machtpräsentationen und macht sich über diese lustig. Den abweisenden Bauerarbeitern und deren Vorgesetzten droht sie an, dass sie gegen deren Vorhaben den Wald abzuholzen und den Badesee für andere Zwecke zu missbrauchen, öffentlich vorgehen wird.

 

Fazit

Im Einheitsbrei sexistischer und geschlechterstereotyp-produzierender Hörspiele sticht die Serie Bibi Blocksberg absolut positiv heraus. Ich wünsche mir mehr solcher Serien um für Mädchen positive Vorbilder zu schaffen, aber auch für Jungen Alternativen zu hypermaskulinen Kämpfer- und Dominanzfiguren anzubieten.

Nächster Blog-Beitrag: Interview mit Bibis Erfinderin Elfie Donnelly und der Geschäftsführerin von KIDDINX Gabriele Salomon.

 

Elfie Donnelly

Die Erfinderin von Bibi Blocksberg: Elfie Donnelly

 

Gabriele Salomon

KIDDINX Geschäftsführerin Gabriele Salomon

 

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Bibi Blocksberg 129

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Bibi Blocksberg

 

 

Autoren-Info:

Sebastian Tippe

Sebastian Tippe ist FeministInProgress, Diplom-Pädagoge und Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Er arbeitet als Antidiskriminierungsberater, hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel/ Blogs und bietet Workshops zu feministischen Themen an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an, sowie Workshops für SchülerInnen um Geschlechterrollen aufzubrechen.