TKKG Junior: Nachts im Gruselpark. Eine Folge zum Gruseln oder zum Freuen über positive Geschlechterdarstellungen?

Es existieren bekanntermaßen so gut wie gar keine Hörspiele für Kinder – oder generell Medien -, die nicht sexistisch sind. Nachdem ich vor einiger Zeit Folge 1 der neuen an Vorschul- und Grundschulkinder gerichteten Hörspielserie „TKKG Junior“ rezensiert habe, wollte ich wissen, wie es mittlerweile um die Geschlechterdarstellungen der Serie gestellt ist. Analysiert habe ich daher nun Folge 10: „Nachts im Gruselpark“.
Ob Ihr Euch auch vor den Geschlechterdarstellungen gruseln müsst, erfahrt ihr hier!

Das Cover von Folge 10

Auf dem Cover sind Gaby, Tim, Klößchen und Karl sowie der Hund Oskar zu sehen, wie sie in einem Tretboot in Form eines Schwans vor einem riesigen Clowngesicht fliehen. Während Tim in die Pedalen tritt, rudert Gaby mit einem Holzstück. Im Hintergrund liegt im Dunkeln der titelgebende Gruselpark. Die Farben sind düster gehalten. Es dominieren wie gewohnt Blautöne, die Interessierten suggerieren sollen, dass es sich bei dem Hörspiel vermeintlich um ein Produkt für Jungen handeln würde. Das ist auch gleichzeitig der erste Kritikpunkt, denn warum sollen nicht auch Mädchen die Abenteuer von TKKG hören?

Klappentext

„Eine Gruseltour im stillgelegten Freizeitpark – da sind TKKG natürlich mit dabei! Zwischen ramponierten Achterbahnen und einem kaputten Riesenrad genießen die Kinder die schaurige Stimmung. Aber plötzlich sind einige Handys und Tims Portemonnaie verschwunden. Ist der Gruselpark etwa doch nicht verlassen? Spukt es dort vielleicht sogar? Ein unheimlicher Fall für die vier Nachwuchsdetektive.“

Hinweis: Den sexistischen Titelsong habe ich bereits in der ersten Folge rezensiert, daher wird hier darauf verzichtet.

Geschlechterdarstellungen in Folge 10

Sexistisch geht es los

Bereits in der ersten Szene werden die problematischen sexistischen Geschlechterbilder der Serie deutlich. TKKG unterhalten sich über den anstehenden Kunstunterricht, in dem der/die SitznachbarIn gezeichnet werden soll. Karl merkt an, dass er keine Gesichter oder Tiere zeichnen kann, aber „Häuser und alles was technisch ist“.
Als Gaby entgegnet, dass sie die Aufgabe ganz cool findet, wird sie von Klößchen umgehend kleingemacht und er negiert ihre zeichnerischen Fähigkeiten mit den Worten: „Du sitzt in Kunst ja auch neben Anna. Und die zu malen ist einfach. Große Augen, Pferdeschwanz, Stupsnase, Sommersprossen, fertig!“

Gaby erwidert empört, dass Anna ihre Freundin ist, worauf Klößchen weiterredet: „Und? Ne Stupsnase hat sie trotzdem. Aber hey, ich mag Stupsnasen. Wirklich, alles gut!“

Es ist schon erstaunlich, wie ein Gespräch über den anstehenden Kunstunterricht innerhalb einiger Sätze dazu führt, dass Jungen Mädchen erst einmal ihre Fähigkeiten absprechen, da sie keine „schwierigen“ Gegenstände wie Häuser oder technische Geräte wie die Jungen zeichnen, um dann Mädchen zu objektivieren und ihr Aussehen zu bewerten. Bisherige Gesprächslaufzeit: Eine Minute.

Im Anschluss setzt sich Tim ein künstliches Horror-Gebiss ein und meint, dass so auch Klößchen ihn zeichnen könne.

Die transportierte Aussage hinter dem ganzen Dialog lautet: Zeichnen von Gesichtern ist etwas für Mädchen, Jungen können soetwas angeblich nicht, außer es sind gruselige Elemente wie Vampirzähne enthalten, dann scheint es plörtlich doch zu funktionieren. Jungen könnten jedoch anders als Mädchen männlich konnotiertes wie technische Geräte zeichnen.  Dadurch wird offenbart, dass es in der Szene vor allem darum geht, die Kompetenzen von Mädchen abzuwerten um die von Jungen aufzuwerten und sich einseitiger Geschlechterstereotype zu bedienen.

Die Einladung zur Gruseltour

Ihr Mitschüler Alex lädt TKKG im Anschluss zu einer Gruseltour in den stillgelegten Freizeitpark seiner Eltern ein. Dort leben angeblich 108 verschiedene Spinnenarten. Gaby merkt daraufhin an, dass sie zwar Tiere mag, die vielen Spinnen aber nicht.

Das mag stimmen, aber warum muss diesen Satz stereotyp ein Mädchen und nicht ein Junge sagen? Die Szene bedient das Bild von Mädchen, die per se Angst vor Spinnen haben. Auch Gabys ängstliche Reaktion auf den Hinweis, dass es im Park ja nicht um Spinnen sondern ums Gruseln geht, verstärkt dieses Bild noch.
Auch hier hätten Tim, Karl oder Klößchen diese Aussage treffen können, um deutlich zu machen, dass sie als Jungen ebenso Angst haben wie Mädchen. Doch die Jungen machen ganz im Gegenteil deutlich, dass sie sich auf den Ausflug freuen, was die Sorge von Gaby weiter abwertet. Es wird sehr deutlich, dass sie Gaby und ihre Bedenken in keinster Weise ernst nehmen.

Ein kurzer Lichtblick: Als Alex im weiteren Verlauf sagt, dass es im Park spuken würde, sind auch die Jungen kurz erschrocken. Sie entscheiden sich aber sofort, trotzdem bei der Gruseltour mitzumachen. Gaby hingegen sagt, dass sie dann zwar mitkommen würde, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie ihren Hund Oskar mitnehmen dürfe.

Als Gaby wissen möchte, was die Eltern von Alex zu seinen Führungen in dem stillgelegten Park sagen, weist er darauf hin, dass sie nichts davon erfahren dürfen.
Hier finden wir ein weiteres Beispiel für problematische Verhaltensweisenvon Jungen und von Männern: Verbote werden missachtet, andere Menschen werden mit in die Geschichte reingezogen und er selber und andere werden trotz besserem Wissen in Gefahr gebracht.

Gaby äußert gegenüber Tim, Karl und Klößchen ihren Verdacht, dass Alex irgendetwas im Schilde führt. Gabys Bedenken werden von den Jungen erneut nicht ernst genommen. Sie entgegnen nur, dass das spannend sei und sie mit ihm schon fertig werden würden.

„Mädchen sind anscheinend immer ängstlich“

Als TKKG im Park unheimliche Geräusche hören, fragt Klößchen, was das gewesen ist. Sofort antwortet Gaby: „Ich weiß nicht!“
Ein bekannter Satz, den Mädchen und Frauen in Medien permanent sagen, um als unwissend und inkompetent dargestellt zu werden.

Es zeigt sich anschließend, dass zwei Mitschüler, Ben und Nick, TKKG erschreckt haben. Diese lachen über die Kinder und sagen, dass sie Lappen seien. Das ist eine typische Abwertung, die häufig Jungen nutzen. Dahinter steht die problematische Einstellung, dass „richtige“ Jungen und „richtige“Männer hart und stark sind, während alles „Unmännliche“ angeblich weich, weiblich und schwach ist.

Sexistische Sprüche und Männerbünde

Ben und Nick sprechen Gaby darauf mit „Blondie“ an. Keiner der TKKG-Bande unterstützt sie gegen die übergriffigen Jungen. Als sie dann Karl als „Vierauge“ bezeichnen, greift Klößchen hingegen sofort ein. Gaby unterstützt Karl ebenfalls, muss sich aber weiter alleine gegen das sexistische Verhalten von Ben und Nick behaupten.

Jungen handeln, Mädchen stehen daneben

Als die Kinder im weiteren Verlauf der Geschichte in dem stillgelegten Park unterwegs sind, schreit Alex plötzlich um Hilfe. Er sitzt im alten fahrenden Riesenrad. Während die Jungen aktiv werden und versuchen, Alex zu retten, steht Gaby nur passiv daneben und macht sich Sorgen. Auch hier werden typische Geschlechterstereotype von Jungen und Mädchen reproduziert.  

Geschlechterstereotype Kostüme

Auch die Kostüme, die TKKG für die Gruseltour tragen, stehen symptomatisch für problematische Geschlechterdarstellungen: Tim ist verkleidet als Zombie, Klößchen als Skelett, Karl als Geisterjäger und Gaby als Vampirmädchen! Gaby wird sprachlich durch diese Formulierung klein gemacht, während die Jungen als cool dargestellt werden. Warum bezeichnet der Erzähler Gaby anstatt als Vampirmädchen nicht als Vampirin?

Mädchen als Deko mit Opferstatus

Als die Mitschülerinnen Selina und Marlene zu der Gruseltour dazu stoßen, wird schnell deutlich, dass sie im Hörspiel nur Statistinnenrollen innehaben und den Frauenanteil erhöhen sollen, ohne jedoch irgendetwas zur Geschichte beizutragen. Jedoch schreien Selina und Marlene permanent vor Angst. Sie sprechen zudem bei ihren wenigen Sätze fast ausschließlich davon, dass es unheimlich ist und dass sie Angst hätten. Sie machen deutlich, dass sie ohne Hilfe aufgeschmissen sind. Ganz absurd wird es, als eine der beiden Mädchen schreit, weil ihre Freundin ja ebenfalls schreien würde.

In der Abschlussszene gehen Selina und Marlene an Alex vorbei und flirten mit Alex. Darauf sagt Klößchen, dass das Veranstalten von Gruseltouren anscheinend sexy machen würde. Alex reagiert genervt. Er sagt, dass er die Beiden nicht einmal voneinander unterscheiden könne. Klößchen bestätigt, dass er das ebenfalls nicht kann. An dieser Stelle wird erneut das problematische Frauenbild der Serie deutlich. Es werden zwei Mädchen dargestellt, die keine tragende Rolle in der Serie haben außer als zu rettende Opfer präsentiert und als sexy bezeichnet zu werden und gleichzeitig dafür da sind, einen Jungen anzuhimmeln.

Es ist zudem zu bedenken: Es handelt sich bei der Serie um ein Produkt für Vorschul- und Grundschulkinder! Was haben sich die Verantwortlichen dabei gedacht, Mädchen derart darzustellen, zu objektivieren und mit Begriffen wie „sexy“ zu benennen?

Fat shaming

Der übergewichtige Klößchen wird aufgrund seines Gewichts von anderen Jungen gehänselt. Es wird aber nicht einmal thematisiert, dass das ein höchst problematisches Verhalten mit schwerwiegenden Konsequenzen für Betroffene ist. Auch wie sich Betroffene Hilfe holen können, wird nicht angesprochen.

Mansplaining

Karl erklärt gerne anderen die Welt. Das Problem dabei ist: Er tut dies, ohne dass es dafür einen Anlass gibt. Selbst Abläufe, die den anderen der TKKG-Bande völlig bekannt sind wie das Sichern von Fingerabdrücken, werden ausführlich und detailliert erklärt. Der Hintergrund hier ist sicherlich, dass Kindern beim Hören etwas Wissen vermittelt werden soll. Das Problem ist die Art und Weise, wie das getan wird und von wem. Eine Lösung wäre gewesen, dass jemand TKKG um Rat fragt. Die Antwort hätte Gaby geben können.

Frauen sind an allem schuld

Otto berichtet den Kindern, dass er obdachlos ist und auf dem Rummelplatz lebt. Der Grund für seine Obdachlosigkeit sei, weil er seinen Job verloren und seine Frau ihn anschließend verlassen habe. Und plötzlich habe er kein Geld und keine Wohnung mehr gehabt. Diese Erklärung ist frauenverachtend, da sie suggeriert, dass seine Frau ihn verlassen hat, weil er seinen Job verlor. Das sexistische Narrativ dahinter ist, dass Frauen angeblich nur mit Männern zusammen sind, die Geld haben. Wenn Männer ihr Geld verlieren, dann würden sich Partnerinnen angeblich von Männern trennen.
Es wird überhaupt nicht hinterfragt, warum Otto seinen Job verloren hat. Vielleicht ist der Grund dafür ja sein problematisches Verhalten, was dann auch dazu führte, dass seine Frau sich von ihm getrennt hat.

Unsichtbarmachen von Mädchen in der Sprache

Leider werden auch in dieser Serie Mädchen nicht explizit genannt. Wenn beispielsweise männliche und weibliche Personen aus der Schule gemeint sind, dann wird nur von „Mitschülern“ gesprochen. TKKG besteht zudem anscheinend nur aus männlichen Detektiven anstatt auch aus einer Detektivin.

Einseitiges Geschlechterverhältnis

In Folge 10 gibt es 13 Sprechrollen, neun davon sind Männer (rund 70%) und nur vier weiblich (30%). Aber auch hinter den Kulissen sieht es nicht besser aus: Bis auf eine Position waren alle aufgeführten Posten der Hörspielproduktion von Männern besetzt. Erschreckend ist zudem: In der gesamten Folge gibt es nur eine einzige Szene, in der sich Mädchen überhaupt miteinander unterhalten. In dieser sagen Selina und Marlene in wenigen Sätzen zu Gaby, dass Oskars Kostüm toll sei.

Fazit

Der Fall „ Nachts in Gruselpark“ ist zwar spannend inszeniert, jedoch ist die Geschlechterdarstellung an sehr vielen Stellen unterirdisch, sexistisch und frauenverachtend. Wenn die Geschlechterstereotype aufgebrochen und thematisiert werden würden, dann könnte sie für Kinder positive Identifikationsfiguren bieten anstatt ihnen sexistische Geschlechterbilder zu vermitteln. Gaby müsste eine wichtigere und kompetentere Rolle haben, der Mädchen und Frauenanteil müsste durch aktive und ebenfalls kompetente Rollen erhöht werden und Jungen sollten sich mehr mit ihren Problemen beschäftigen, diese konstruktiv lösen und sich nicht sexistisch verhalten. So bleibt es leider nur eine weitere Serie, die die problematischen Geschlechtervorstellungen permanent reproduziert.

 

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