Toxische Männlichkeit: Warum vor allem Männer wohnungslos werden

Im Jahr 2018 waren in Deutschland 237.000 Menschen wohnungslos (zuzüglich 441.000 anerkannte wohnungslose Geflüchtete), der Großteil waren Männer (73%, 159.000), während die Anzahl an wohnungslosen Frauen (27%, 59.000) um ein vielfaches geringer war.

In Fachartikeln werden vor allem zwei Gründe für Wohnungslosigkeit genannt: Armut sowie fehlender (bezahlbarer) Wohnraum. Diese Begründungen greifen jedoch zu kurz. Damit wird nicht erklärt, warum vor allem Männer wohnungslos werden. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Gründe erläutert, die bei Männern zur Wohnungslosigkeit führen.

Unterschieden wird dabei zwischen Menschen, die zwar keine eigene Wohnung haben, jedoch an unterschiedlichen Orten unterkommen (Z. B. bei FreundInnen, Auffangwohnungen, Unterkünften etc.) sowie Menschen, die auf der Straße leben (2018: 41.000).

Männliche Geschlechtervorstellungen als Problem

Die Vorstellungen, wie Männer angeblich zu sein haben, nämlich zum Beispiel (leistungs)stark, dominierend, immer der Beste, emotionslos, nicht weich, kein Opfer, nicht beeinträchtigt, nicht „weiblich“, nicht homosexuell, nicht wohnungslos, nicht „anders“ uvm, sind sozialisationsbedingt tief in das Denken und Handeln von Männern eingeschrieben und haben weitreichende Konsequenzen. Männliche Sozialisation ist eng an die Abwertung von allem vermeintlich Weiblichen geknüpft sowie an das Wissen, dass Männer Privilegien erhalten, die Mädchen und Frauen verwehrt bleiben. Männer schaden aber nicht nur Frauen, sie schaden auch massiv sich selber.

Aufgrund von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen sterben Männer durchschnittlich 5 Jahre früher als Frauen..

.. weil sie sich ungesünder ernähren

.. weil sie sich riskanter verhalten

.. weil sie häufiger Rauchen

.. weil sie häufiger Alkohol trinken

.. weil sie häufiger Drogen nehmen

.. weil sie sich viel seltener fachärztliche Hilfe holen

.. weil sie sich viel seltener therapeutische Hilfe holen

und sich daraus resultierend drei Mal häufiger als Frauen umbringen.

Jungen lernen sehr früh, dass bestimmte Fähigkeiten, Gefühle und Emotionen angeblich nichts für Jungen und Männer seien, sondern angeblich nur für Frauen. Selbstfürsorge, ein liebevoller Umgang mit sich selber und anderen, ein konstruktiver Umgang mit Problemen, mit Gefühlen und Emotionen (z. B. mit Angst, Wut, Frust, Hilflosigkeit, Sorge oder Trauer) werden oftmals aufgrund von gesellschaftlichen Männlichkeitsvorstellungen, die enorm vom Umfeld und von den Medien geprägt werden, verdrängt und abgespalten. Die erlebten Ohnmachtsgefühle werden häufig durch übergriffiges oder gewalttätiges Verhalten und durch verschiedene Suchtmittel betäubt.

Christine Heinrichs vom Verein für soziale Heimstätten in Frankfurt am Main bringt es in Bezug auf Obdachlose auf den Punkt: „[…] Die hat auch mit Armut zu tun, aber eher mit der Armut oder der Unfähigkeit, Hilfen in Anspruch zu nehmen und sich helfen zu lassen.“

Für viele Männer gilt es als unmännlich, sich einzugestehen, dass sie Hilfe benötigen und sich diese dann auch zu suchen. Beispiele sind das Lösen von Konflikten, fehlendes Wissen oder fehlende Kompetenzen, die eigene physische und psychische Gesundheit oder die drohende Wohnungslosigkeit. Häufig verschränken sich mehrere dieser Aspekte gegenseitig.

Bei Mietrückständen und drohenden Räumungsklagen sowie bei negativen SCHUFA-Einträgen glauben viele Männer, versagt zu haben und nicht der gesellschaftlichen Vorstellung von Männlichkeit zu entsprechen. Sie ziehen sich häufig zurück, anstatt dass sie sich Hilfe suchen und Lösungen für ihre Probleme erarbeiten. Neben Angeboten in Form von Beratungsstellen, sozialen Netzwerken und therapeutischer Unterstützung sollten sich Männer, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind, darüber informieren, welche Leistungen ihnen beispielsweise nach dem SBG-II oder SGB XII zustehen und wie sie diese in Anspruch nehmen können.

Natürlich werden nicht alle Männer wohnungslos, die ihren Job verloren haben, von denen sich die Partnerin getrennt hat oder die einen anderen schlimmen Verlust erlitten haben. Männer haben unterschiedliche Strategien, um mit derartig belastenden Situationen umzugehen, auch wenn diese oftmals destruktiv sind. Doch fällt es vielen Männern enorm schwer, sich das bestehende Problem einzugestehen und sich Hilfe zu suchen.

Viele von Wohnungslosigkeit bedrohte oder betroffene Männer flüchten sich in (mehr) Drogen, Alkohol und andere Suchtmittel, um sich und ihre Sorgen und Ängste zu betäuben. Die Probleme verschlimmern sich jedoch dadurch meist anstatt besser zu werden. Es geht den Männern darauf nach und nach schlechter: Viele von ihnen werden depressiv, suchen sich jedoch keine therapeutische Hilfe oder eine entsprechende Unterstützung bei einer Beratungsstelle. Es ist eine Abwärtsspirale, die oft durch (Beziehungs-)Abbrüche und Isolation gekennzeichnet ist. 

Wohnungslose Männer gehören unter den Männern zu denjenigen, die Ausgrenzung und Gewalt durch andere Männer erfahren, weil sie nicht dem Bild des weißen, erfolgreichen heterosexuellen Mannes entsprechen. Jedoch werden sie oftmals auch selber Täter – vor allem gegenüber Frauen, die häufig selber wohnungslos sind.

Psychische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen entstehen aber nicht unbedingt im Zuge einer drohenden Wohnungslosigkeit. Viele Männer weisen bereits vorher psychische Auffälligkeiten oder Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, PTBS etc auf. Da sie sich jedoch selten Hilfe suchen, wird der gesundheitliche Zustand nach und nach schlechter und ist häufig Auslöser für den  Verlust der Arbeitsstelle, das Ende der Beziehung, für selbstschädigendes oder gewalttätiges Verhalten oder für die massive Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes. Viele Männer töten sich schließlich selber. 

Männer, die keine konstruktiven Handlungsoptionen zum Lösen ihrer Probleme entwickeln (können) oder bei denen zu viele unbearbeitete Themen aufeinandertreffen, sind häufig von Wohnungslosigkeit bedroht.

Viele Biografien sind darüber hinaus geprägt von Missbrauch in der Kindheit (meist durch andere Männer), von einem Weg durch die Kinder- und Jugendhilfe (stationäre Heimunterbringung), durch fehlende Schulabschlüsse, ein fehlendes soziales Netzwerk und damit einhergehende fehlende Ressourcen, um adäquat mit der bedrohlichen Lage umzugehen und sich Hilfe zu holen.

Armut, die problematische Lage auf dem Wohnungs- sowie Arbeitsmarkt sind selbstverständlich ebenfalls relevant. Und natürlich gibt es Männer, die für den Verlust ihrer Arbeitsstelle nichts können, oder die einen schweren Unfall hatten und körperliche bleibende Schäden davon getragen haben. Jedoch muss immer berücksichtigt werden, wie Männer mit diesen Problemen umgehen. Wäre die männliche Sozialisation kein Problem, dann wären ebenso viele Frauen wie Männer von Wohnungslosigkeit betroffen, was aber nicht der Fall ist.

Ein Teufelskreis (der durchbrochen werden kann)

Männer, die bereits wohnungslos sind, haben darüber hinaus weitere Probleme: Sie finden oftmals keine neue Arbeitsstelle, da sie keine postalische Anschrift (Meldeadresse) besitzen. Ihr Lebenslauf weist entsprechende Lücken auf oder ist durch Abbrüche gekennzeichnet. Ein weiteres Problem besteht bereits in der Anfertigung von Bewerbungen, da die technischen Hilfemittel fehlen. 

Eine Wohnung ohne Arbeitsvertrag und ohne postalische Anschrift zu erhalten, erweist sich ohne Unterstützung zudem als ein kaum lösbares Problem.

Gewalt

Aufgrund von Männlichkeitsvorstellungen und der gesellschaftlichen Stellung von Männern betrachten sie Gewalt als eine Lösungsstrategie für ihre Konflikte. Das wird im Strafvollzug überdeutlich: Mehr als 94 % der Inhaftierten sind Männer. Für diese ist es ebenfalls schwierig, nach der Entlassung eine neue Arbeitsstelle oder eine neue Wohnung zu erhalten. Frust und Ohnmachtsgefühle führen oftmals zu erneuter Gewalt gegen andere sowie zu Suchtmittelmissbrauch und daraus resultierend zu Abhängigkeiten. Eine gefährliche Spirale.

Darüber hinaus gibt es Menschen, die auf der Straße leben, die beispielsweise aus Osteuropa zugereist sind und keine Möglichkeit haben, staatliche Hilfen anzunehmen. Auch hier müssen Hilfsangebote implementiert oder bereits bestehende Hilfsstrukturen genutzt werden.

Lösungen

Es existieren für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, unterschiedliche Hilfsangebote: Beratungsstellen, Tagesaufenthalte,  die Wohnungslosenhilfe, Therapien, Entzug, soziale Netzwerke, Auffangwohnungen/Wohnheime oder beispielsweise Leistungen nach dem SGB II (Grundsicherung für Arbeitssuchende) sowie nach §§ 67 bis 69 des SGB XII (Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten) etc. Wichtig ist zu wissen: Nur wer erwerbsfähig ist, erhält Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV). Nicht Erwerbsfähige können Sozialhilfe nach dem SGB XII beantragen. Wohnungslose erhalten jedoch nur einen stark reduzierten Satz, da Kosten (Miete, Heizung) für eine Wohnung abgezogen werden. Hier ist es wichtig, dass Wohnungslose gut beraten werden und sich an die richtigen Stellen wenden, damit sie Leistungen beziehen können.

Beratungsstellen können Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, eine postalische Adresse (Meldeadresse) stellen, was für eine Arbeitsstelle oder eine neue Wohnung enorm hilfreich ist.

Es ist natürlich wichtig, dass die betroffenen Männer erreicht werden – und sich auch erreichen lassen. Sie müssen bereit sein (oder werden), sich mit ihrer Biografie, ihren eigenen problematischen Anteilen und ihrer männlichen Sozialisation auseinanderzusetzen, um konstruktive Handlungsoptionen zu entwickeln.

Um das gesamtgesellschaftliche Problem der überproportional betroffenen Männer in der Wohnungslosigkeit zu lösen, müssen wir uns jedoch bereits viel früher mit dem problematischen Männerbild auseinandersetzen. Denn dieses hat nicht nur in Bezug auf eine drohende Wohnungslosigkeit massive negative Auswirkungen auf Männer (und auf Frauen sowie auf Kinder), sondern auch auf alle anderen Lebenssituationen. Die Vorstellungen davon, wie Jungen und Männer angeblich zu sein haben, müssen abgebaut werden und mit positiven Einstellungen und Verhaltensweisen überschrieben werden. 

Das ist gewinnbringend für das eigene Männerbild, für den damit einhergehenden konstruktiven Umgang mit Emotionen und Gefühle, für die psychische und physische Gesundheit von Männern sowie für das Frauenbild von Männern.  Umso früher wir Kinder erreichen und sie sich mit alternativen Geschlechterbildern auseinandersetzen, desto handlungsfähiger werden sie und desto gewinnbringender ist es für ein gemeinsames, friedliches und wertschätzendes Zusammenleben.

Für Beratungsstellen, die mit von Wohnungslosigkeit bedrohten oder betroffenen Männern arbeiten, ist es wichtig, Wissen über männliche Geschlechtervorstellungen und die damit einhergehenden Erwartungen und daraus resultierenden Probleme zu besitzen und mit einzubeziehen, um daraus Hilfen und Lösungsmöglichkeiten für die Männer zu entwickeln. Geschlechterstereotype haben immer einen Einfluss auf unser Denken und Handeln und müssen berücksichtigt werden. 

Denn: Solange die Ursache des eigentlichen Problems nicht erkannt, reflektiert und verändert wird, solange können unterstützende Maßnahmen nur bedingt helfen. Mit einer guten Aufarbeitung und Begleitung können die Männer viel Positives mitnehmen und Folgeprobleme vermeiden und lernen, damit konstruktiv umzugehen.

Autoren-Info:

Sebastian Tippe ist Diplom-Pädagoge und Autor. Er arbeitet als Sozialpädagogische Familienhilfe, als Fachkraft bei Kindeswohlgefährdung und ist Jungenarbeiter mit dem Schwerpunkt feministische Jungenarbeit.

Sebastian Tippe hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel und bietet Workshops zu feministischen Themen an, insbesondere zu toxischer Männlichkeit.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechterreflektierenden Themen an sowie Workshops für männliche Schüler um Geschlechterrollen aufzubrechen und toxische Männlichkeit abzubauen.

2021 erschien sein Buch „Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern“ im edigo-Verlag.