Wie toxische Männlichkeit im Job schadet

Männer richten aufgrund ihrer Männlichkeitsvorstellungen einen enormen Schaden an – auch in der Berufswelt.

Zur männlichen Sozialisation gehört für Jungen und Männer in unserer Gesellschaft, dass sie leistungsstark und permanent der Beste sind. Damit einher geht, dass sie sich ständig vergleichen und miteinander konkurrieren. Wettstreit und Wettkampf gehören zu den Grundpfeilern männlicher Sozialisation. Ein Erfolg ist für viele Männer meist nur dann ein Erfolg, wenn er mit dem Sieg über andere einhergeht. Dabei ignorieren viele Männer nicht nur die Grenzen anderer, sondern auch die eigenen.

Männer verhalten sich oftmals wie Einzelkämpfer, denn sie wollen Lob und Anerkennung für sich allein. Sie haben die Vorstellung, sich somit ihre Männlichkeit beweisen zu können. Gleichzeitig kompensieren sie ihre eigenen Unsicherheiten und Ängste, aber auch ihre Schwächen. Viele Männer überschätzen sich und ihre Fähigkeiten. Misserfolge und Fehler werden selten eingestanden – die „Schuld“ wird meist anderen zugeschoben.

Für ein erfolgreiches Projekt, das durch eine gute Kommunikation, einen positiven Austausch, lösungsorientiertes Denken und Teamwork gekennzeichnet ist, bedeuten diese Arbeitsweisen einen enormen Schaden.

Es steht vor allem in reinen Männer-Teams häufig nicht mehr das Produkt im Fokus, sondern das Ziel, der Beste zu sein. Daher wird im Arbeitsprozess ständig konkurriert, den anderen werden auch Teilerfolge nicht gegönnt und zugestanden, es wird gegeneinander gearbeitet, Informationen werden nicht weitergegeben, Fortschritte werden aktiv blockiert und andere Mitarbeitende werden schlecht gemacht und gegeneinander aufgestachelt.

Das Resultat ist, dass das Arbeitsklima vergiftet wird, die physische sowie psychische Gesundheit der Männer leidet und dass das Ergebnis bei weitem nicht so gut wird, wie es hätte sein können. Klar, denn die Männer sind mehr mit sich selbst und dem Wettstreit untereinander als mit der eigentlichen gemeinsam zu lösenden Aufgabe beschäftigt und arbeiten daher nicht so effizient, wie sie es könnten. Das bedeutet darüber hinaus für Unternehmen enorme wirtschaftliche Verluste.

Aus diesen Gründen müssen die problematischen Männlichkeitsvorstellungen abgebaut werden. Darüber hinaus müssen Männer-Teams aufgebrochen werden, denn es werden ebenso Frauen benötigt.

Aus Studien ist bekannt, dass geschlechtergemischte Teams viel effizienter und erfolgreicher arbeiten und dass dadurch das Arbeitsklima deutlich verbessert wird.

Aber nicht nur aus diesen Gründen ist es wichtig, dass Frauen genauso häufig wie Männer vertreten sind. Frauen wird der Zugang zu vielen Arbeitsbereichen von Männern verweigert, vor allem bei gesellschaftlich anerkannten und lukrativen Tätigkeiten, besonders in Führungspositionen.

Doch auch in gemischten Arbeitsbereichen ist toxische Männlichkeit ein grundsätzliches Problem. Männer sind sehr häufig der Auffassung, dass sie per se ihre Aufgaben besser als Frauen erledigen könnten. Auch stellen Männer lieber schlechter qualifizierte Männer als besser qualifizierte Frauen ein, was ebenfalls zu den oben genannten Problemen führt und Frauen gleichzeitig diskriminiert und ihnen die Möglichkeit einer erfolgreichen Karriere nimmt. Wenn Männer Väter werden, erhöhen viele sogar noch ihre Arbeitszeit – sie bauen oft unbezahlte Überstunden auf – um nicht zu Hause sein zu müssen und sich nicht gleichermaßen wie die Partnerin um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Das hat schwerwiegende Konsequenzen, denn eine gerechte Aufgabenteilung ist so nicht möglich. Zudem verbringen Männer weniger Zeit mit ihrer Partnerin und mit ihrem Kind/ihren Kindern. Das hat eine schlechtere Bindung und Beziehung zur Folge. Gleichzeitig wird somit der Partnerin die Möglichkeit genommen, sich selber beruflich zu verwirklichen, nicht nur auf die Mutterrolle reduziert zu werden, in die Rentenkasse einzuzahlen und finanziell unabhängig zu sein.

Sexuelle Belästigung und grenzüberschreitendes Verhalten von Männern gegenüber Frauen sind ein weiteres Mittel, um Frauen zu unterdrücken, damit sich Männer kompetent und „männlich“ fühlen.

Das Aufbrechen dieser toxischen Männlichkeitsvorstellungen ist wesentlich für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Männer können dann gemeinsam mit Frauen Lösungen ausarbeiten und in einem guten, psychisch gesunden Arbeitsverhältnis erfolgreiche und befriedigende Ergebnisse erzielen.

Männer sind gefragt, ihre toxischen Anteile zu erkennen, zu reflektieren und daran zu arbeiten, sie zu verändern. Positive Auswirkungen sind dann nicht nur im beruflichen sondern auch im privaten Kontext zu finden: Männer sind ausgeglichener und zufriedener, sie sind gesünder, sie können eine gleichberechtigtere und erfüllte Beziehung führen, sie entlasten ihre Partnerin, sie haben eine bessere Bindung zu ihrem Kind/ihren Kindern, sie können ihnen ein positives Vorbild werden und einen Beitrag für eine gleichberechtigte Welt leisten.

Autoren-Info:

Sebastian Tippe ist Diplom-Pädagoge, Autor, arbeitet als Fachberater für Erziehungsstellen und ist Jungenarbeiter mit den Schwerpunkten geschlechtersensible Pädagogik, feministische Jungenarbeit und antirassistische Bildungsarbeit.

Sebastian Tippe hält Vorträge, gibt Webinare, schreibt Artikel und bietet Workshops zu feministischen Themen, insbesondere zu toxischer Männlichkeit, an.

Für pädagogisches Fachpersonal bietet er Fortbildungen zu geschlechtersensibler Pädagogik an sowie Workshops für männliche Schüler um Geschlechterrollen aufzubrechen und toxische Männlichkeit abzubauen.